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	<title>Tierwater&#039;s Blog</title>
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		<title>Wenn Professoren wissen wollen, wen man so heiratet!</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Jun 2011 14:17:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tierwater</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Menschen sitzen strahlend am Straßenrand. Voller Vorfreude. Ich gehe noch schnell zur Tankstelle, hole Bier, Cola und Zigaretten. Gleich wird die Straße gesperrt sein. Diese Menschen. Ich habe mit ihnen nichts gemeinsam. Ihre Augen leuchten, bestimmt haben sie erwartungsvoll schwitzende Hände. Sie kommen alle wegen der Motorräder. Es treibt sie hinaus, in Herrscharen, zu diesem [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=209&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Menschen sitzen strahlend am Straßenrand. Voller Vorfreude. Ich gehe noch schnell zur Tankstelle, hole Bier, Cola und Zigaretten. Gleich wird die Straße gesperrt sein. Diese Menschen. Ich habe mit ihnen nichts gemeinsam. Ihre Augen leuchten, bestimmt haben sie erwartungsvoll schwitzende Hände. Sie kommen alle wegen der Motorräder. Es treibt sie hinaus, in Herrscharen, zu diesem fantastischem Event. Zu dieser Zurschaustellung. Ich könnte kotzen.</p>
<p>Schon seit Tagen ist es laut. Motorräder sind unglaublich laut. Mir gefällt das überhaupt nicht. Also, bestimmt ist Motorradfahren eine feiste Angelegenheit. Ich mein, ich rauche Zigaretten, deshalb kann ich mich nicht über Umweltverschmutzung aufregen. Aber mir ist das einfach zu laut. Oh, ich vergesse, dass ich zur Toleranz erzogen werde. Wurde.</p>
<p>Leidenschaft, Antriebsfeder allen menschlichen Tuns. Die hier haben halt die Leidenschaft, Motorrad zu fahren, die anderen schauen denen dann gerne dabei zu. Man hat ihnen ja auch gesagt, dass man da zuschauen kann, Leidenschaft kann nämlich auch künstlich erzeugt werden, oh ja. Nicht nur Futter und so werden vermarktet, nein auch Events.</p>
<p>Okay, zurück zu den Menschen am Straßenrand. Ich könnte die jetzt beschreiben, die Männer mit ihren Westen, mit ordentlich viel Stauraum in jede Menge Taschen, netter Adler-Aufnäher, oh Weißkopfseeadler, selbstredend. Und die Münder stehen denen offen. Da ist Anerkennung im Spiel und Neid. Und Maulzerreißen und  Zigarilloappetit. Aber da sitzen auch kleine Mädchen in süßen Kleider, mit Spitze an den Leggins und nein, da hat ja eine keinen Lippenstift! Wie kann Cheyenne denn bitte keinen Lippenstift haben? Mutter und Vater sind entsetzt. Wir werden nie ins Fernsehen kommen, wenn Cheyennen nicht endlich bald vergewaltigt wird! Empörung, auch die Oma spukt auf den Boden.</p>
<p>Grade macht mich das andauernde Hupen echt fertig. Ich mein, wie viele Schläge muss ich noch einstecken? Hab ich unrecht, wenn ich behaupte, es trifft mich persönlich, dass hier für eine Spaßfahrt, zu der Verbrennungsmotoren betrieben werden, die fossile Ressourcen verbrennen veranstaltet wird, die keinerlei Nutzen verfolgt? Welchen Sinn macht das? Damit die Zahnärzte sich in den Sattel schwingen können? Der geschäftsführende Gesellschafter ein sich jung fühlender Neoliberaler ist? Wir alle den Westen und seinen Traum leben? Wer von denen hat Easy Rider wohl verstanden? Aber alkoholisiert spastisch abzappeln zu Steppenwolf, einer Band, die sich nach einem Buch benannt hat, das die auch nicht gelesen und verstanden haben.</p>
<p>Da stehen die am Straßenrand auf und winken und klatschen! Bringt eure Kinder mit, es gibt Abgase für alle. Gehirne brauchen das, gute Erziehung! Aber ich sollte mich beruhigen. Ich mache auch Fehler! Und, es ist immer das gleiche Spiel, in Debatten, Diskussionen, moderierten Vorträgen. „Wenn sie jetzt ihre Meinung vertreten und hier alles in Grund und Boden reden, WO IST DANN BITTE SCHÖN IHR LÖSUNGSANSATZ? Machen sie doch mal einen konkreten Vorschlag, der alles heile macht!“</p>
<p>Da soll sich einer beruhigen. Über Motorrädern fliegen Helikopter. Damit die Helikopterpiloten sehen können, wie die Motorradfahrer Motorradfahren. Warum? Und zum Thema Problem, Ansatz, Lösung. Warum muss es immer eine Lösung geben? Warum darf man nicht kritisieren, wenn es doch offensichtlich etwas FALSCHES gibt. Wird es ohne Lösung weniger falsch und deshalb duld- und akzeptierbar? Barer?</p>
<p>Fakt ist: Ich bin unzufrieden.</p>
<p>Da gibt es Millionen, die zu dumm sind, um ihren Kopf zu gebrauchen. Millionen, die mitlaufen, hinterherlaufen, die wir brauchen, in unserer modernen Gesellschaft, die die Frondienste tun, das leisten, was Privilegiertere nicht leisten wollen und deshalb mit Gehältern rund um einen Bedarf gesättigt werden. Die das Recht haben zu wählen, hahaha, nein, das nehme ich zurück, Mündigkeit ist nun mal nicht jedem gegeben. Die das Recht auf Leben und Kinder und Wohnung und Essen und Fernsehen und freie Marktwirtschaft haben. Die das Recht auf Kredite, auf Schulden, auf frisierte Haarsträhnen, Happy Meal, dieser Name, bitte schön??, das Recht auf Schwielen an den Fingern haben. Ich hab gar nichts gegen diese Menschen, ich hab ja gesagt, wir brauchen die. Aber ich bin UNZUFRIEDEN, wenn ich diesen nicht informierten, kollektiv dummgehaltenen Batzen menschlichen Gewebes herum mäandern sehe, sich mokieren über DIE POLITIK, DAS SYSTEM, DIE GESELLSCHAFT.</p>
<p>Ich bekomme da sogar Angst. Gott sei Dank haben die den zu Guttenberg wegbekommen, der war ja schon auf dem besten Weg zum nächsten Reichskanzler! Danke an Euch! Hat mich erinnert an Al Capone, der nicht wegen Mordes, sondern wegen Steuerhinterziehung in den Klingelpütz musste. Diese Tumbe breite Masse mit ihrem gefährlichen Halbwissen, manipulierbar und seit Generationen missbraucht, die macht mir Bauchschmerzen. Wir sind hier erste Welt, oh Mann! Und überall brennt die Hütte! Überall sind die Menschen unzufrieden, überall geht´s drunter und drüber. Ich liebe das Wort Staatsverschuldung! Ich liebe perfekt getimte Atomausstiege, Kriegsenden, Wahlkampfsendungen. Ihr werdet verarscht, Leute! Ihr werdet dumm gehalten! Ihr konsumiert Dummheit! Ihr seid nicht mehr in der Lage zu reflektieren! Und das gebt ihr an Eure Kinder weiter! Ihr macht mir Angst und ihr könnt nicht einmal was dafür!</p>
<p>Motorradfahren um des Motorradfahrenswillen. Mhmmm, klar, dass man erst einmal an Gott denkt, denn der hat das Motorrad erschaffen! Vor dem siebten Tag, denn da fuhr er bereits zum Apfelbaum, einen Saufen, mit der Schlange! Auf jeden Fall muss es eine Messe geben, damit diesen heiligen Motorradfahrern nichts passiert auf ihrem Kreuzzug. Oh, Blasphemie! Es gibt doch keinen Gott! Und wenn, dann möchte er bitte herkommen und einschreiten. Was Du einem der geringsten meiner Brüder angetan hast, das hast Du mir angetan. HAHAHA, ich lach mich tot. Bigotterie! Ihr Menschen seid Spastis! Ihr bringt andere um, in euern Köpfen, jeden,  Tag! Und in eurem Handeln. Und dazu muss ich nicht Bono sein und in the name of love hinter meiner Sonnenbrille krächzen!</p>
<p>Ich bin ein Befürworter von kollektivem Massenselbstmord. Hier in der ersten Welt! Ich glaube an die Möglichkeit einer Welt ohne Euch, sorry, ihr könnt nichts dafür, aber ihr seid überflüssig, dürft aussterben! Es ist nicht der IQ, der entscheidet, es ist nicht der Geldbetrag, das Versmaß des kapitalistischem Gedichts dieser Welt, der einen besser macht, oder schlechter. Es ist die Fähigkeit, gewissenhaft zu reflektieren.</p>
<p>1000 Worte. Motorräder. Mittlerweile wird es stiller.</p>
<p>An der Tanke kostet das Bier mehr. Scheiß Armut.</p>
<p>Danke.</p>
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		<title>Opferstock</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Jun 2011 13:03:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tierwater</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
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		<description><![CDATA[Vor dem Gebäude liegt ein Mann, verwildert, bärtig, verfilzt. Seine Schuhe, Risse, Dreck und Löcher, Sohlen ohne Klebstoff. Seine Hose ein Urinal. Im Gesicht die Zeichen seines Lebens, die Zeichen der Sucht, Zeichen der Aufgabe. Er liegt und atmet, das kann er noch. Ein Bündel voller Stofffetzen neben sich, eine halbleere Flasche Fusel, aufgesammelte Kippenstummel. [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=199&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor dem Gebäude liegt ein Mann, verwildert, bärtig, verfilzt. Seine Schuhe, Risse, Dreck und Löcher, Sohlen ohne Klebstoff. Seine Hose ein Urinal. Im Gesicht die Zeichen seines Lebens, die Zeichen der Sucht, Zeichen der Aufgabe. Er liegt und atmet, das kann er noch. Ein Bündel voller Stofffetzen neben sich, eine halbleere Flasche Fusel, aufgesammelte Kippenstummel.</p>
<p>Eine Frau und ihr Kind gehen an ihm vorbei, die Mutter sieht ihn nicht einmal. Erst als ihr Sohn auf den Mann zeigt und eine Frage stellt wird sie auf ihn aufmerksam. Sie erklärt mit ein paar Worten was ihr Sohn wissen will, die beiden gehen weiter. Für einen kurzen Moment wirft der Junge einen Blick zurück, in seinen Augen das Mitgefühl eines Kindes.</p>
<p>Im Kopf des Mannes wiederholen sich Bilder. Er, wie er einen zweiten Stock abbricht. Wie er damit fechtet, immer wieder „en garde!“ ruft, wie sein Sohn pariert, wie sie beide lachen. Wie sie nebeneinander sitzen und Muster in ihre Stöcke schnitzen, mit ihren gleichen Taschenmessern. Der Mann liegt auf der Straße und atmet schwer, sein Brustkorb hebt sich, sein Herz schlägt ihm Tränen in die Augen.</p>
<p>Ein paar Jugendliche ziehen vorüber. Sie sind laut, einer versucht den anderen an Lautstärke zu übertreffen. Sie stacheln sich gegenseitig an. Der erste spuckt dem Mann auf den Rücken, der zweite spuckt ihm ins Gesicht. Sie treten seine Flasche um. Der Mann ist nicht getreten worden. Als die Jugendlichen unter der Eisenbahnunterführung stehen hört man sie grölen.</p>
<p>Die Spucke läuft dem Mann in den Bart, er unternimmt nichts dagegen. Er lässt es einfach geschehen. Hat den Widerstand aufgegeben. Er hat sich verloren.</p>
<p>Es ist Nacht und es ist kalt. Durch die Straßen weht ein eisiger Wind. Der Rettungswagen auf dem Weg. Aus dem Lautsprecher die Nachricht, sie sollen einen Obdachlosen aufnehmen, der liegt schon seit heute Morgen an der gleichen Stelle. Die Sanitäter machen Witze über ihren Beruf, so ist er leichter zu ertragen. Als sie den Mann finden atmen beide durch den Mund. So haben sie es gelernt.</p>
<p>Das Neonlicht im Rettungswagen blendet den Mann. Er kneift die Augen fest aufeinander. Sie stülpen ihm eine Sauerstoffmaske über Mund und Nase. Er hört sie miteinander sprechen. Er weiß, wie er riecht, er weiß, wie er aussieht, er weiß, was er ist. Er weiß es.</p>
<p>Während diskutiert wird, ob er stationär aufgenommen wird, in diesem Krankenhaus, oder in einem anderen, was der Ambulanzleitung lieber wäre, hört er Erinnerungen. Er streichelt seinem Sohn über die Haare, sie singen ein Gute Nacht Lied. Es fällt herab ein Träumelein. Er wird in ein Zimmer gebracht, ein Pfleger, Handschuhe aus Latex, zieht ihn aus, beginnt ihn zu waschen.</p>
<p>Hinter anderen Türen beraten sich die Helfer. Kirche, Versicherung, Sozialstation, verschiedene Träger. Die Frage nach der Familie. Der Mann, wer ist er? Schwarze Flecken, überall auf dem Rücken. Dunkle Male. Er verzieht keine Miene. Sie haben ihn rasiert, ihm die Haare geschnitten, ihm saubere Wäsche angezogen. Doch sein Anblick bleibt trostlos. Sein Wesen ist verletzt, er gebrochen.</p>
<p>Keine Papiere, keine Identität. Ohne Kooperation keine Hilfe, ohne Sprache, ohne Informationen keine Chance. Eine zierliche Frau schreit ihn an, versucht es mit Lautstärke. Ein dicker Mann droht ihm, droht mit Konsequenzen. Er darf durch Türen, wenn man ihn hineinruft, er muss Türen öffnen, die sich hinter ihm schließen, wenn er wieder hinaus will. Ein Seelsorger berührt ihn am Arm.</p>
<p>Auf der Straße, wieder. Davor hatte seine Mutter immer Angst. Er erinnert sich an sie als eine starke Frau. Sie brachte immer so große Geschenke mit, wenn sie seine Familie besuchte, in den größten Tüten, die die Kaufhäuser zu bieten hatten. Zigarettenrauchen auf dem Balkon, während er mit dem Kleinen die Legos zusammenbaut. Zwei Frauen, und der schwache Mann.</p>
<p>Der Mann will gar kein Geld. Der Mann wird nicht betteln. Der Mann hat keinerlei Antrieb mehr, ein Wurm hat sich in seinen Kopf gefressen und ihm den Antrieb geraubt. Der Mann will nicht sterben. Aber er kann auch nicht leben. Sie haben im zweiten Stock gewohnt. Das ist schon einige Jahre her.</p>
<p>Mit einem Nagel, er hat ihn an einer Baustelle auf dem Boden entdeckt, ritzt er Initialen auf eine Wand. Er ist dünn, er muss sich anstrengen, um etwas Oberfläche abzuschaben. Überall in der Stadt finden sich diese Buchstaben. Er, in guten Momenten, glaubt, dass so etwas über bleibt, dass so etwas nicht ganz verschwindet, Bestand hat, ihm einen Griff, einen Halt gibt. Hand in Hand durch das Maisfeld gelaufen, dann der Junge auf seinen Schultern.</p>
<p>Eine Sozialarbeiterin hat etwas ausfindig gemacht. Eine Akte gefunden. Zufällig ein Foto entdeckt. Ist dadurch auf einen Namen gestoßen. Jetzt ist ihre Maschine in Gang gesetzt, ihre Neugierde und ihr Beruf, sie greifen Hand in Hand, die ganze Geschichte soll sich ihr auftun. Sie braucht einen Ansatz. Sie gibt den Mann nicht auf, auch wenn er es schon längst getan hat. Doch wo ist er?</p>
<p>Er liegt wieder. Sie stehen über ihm, einer tritt ihm gegen den Schädel.</p>
<p>Der Mann wacht auf. Jemand hat ihm die Schuhe gestohlen. Das ist das erste, was er bemerkt. Sein Körper schmerzt. Er befühlt seinen Kopf, er muss geblutet haben, Blutkrusten auf der Kopfhaut. Er will sich hinstellen, kann sich aber nur setzen, ihm ist schwindelig. Ihm ist kalt. Nach ein paar Minuten die ersten Schritte, er will hier weg, geht los, geht weiter.</p>
<p>Auf dem Bürgersteig liegt ein Stock. Er nimmt ihn, schwingt ihn durch die Luft. Der Mann mit dem Stock. Das gefällt ihm. Es ist wärmer geworden.</p>
<p>Die Taxifahrer lehnen an ihren Wagen, sie rauchen und reden. Der Mann geht an ihnen vorbei. Einer ruft einen Namen. Der Mann stützt sich auf seinen Stock, es ist ein guter Stock. Als der Taxifahrer vor ihm steht berühren sich Welt und Erinnerung. Der Mann soll hier warten, zwei Stunden, dann ist die Schicht vorbei. Dann will ihn der Taxifahrer mitnehmen. Der Taxifahrer nennt ihn Stephan.</p>
<p>Scham. Er sitzt auf der Bank am Taxistand und empfindet sie. Mit dem Nagel schnitzt er an seinem Stock herum. Muster, Wellen, Buchstaben. Zwischendurch betrachtet er seine Hände. Sie sind wieder schmutzig, dreckige alte Hände. Die Menschen strömen aus den Büros, Anzüge und Kostüme gehen an ihm vorbei. Er wartet. Er versucht es. Zum ersten Mal seit langer Zeit will er schreien.</p>
<p>Ein Geldstück landet vor seinen Füßen. Zwanzig Cent.</p>
<p>Seine Lippen eine gesperrte Brücke, seine Zähne ein Schutzwall, seine Zunge ein gestrandeter, verendeter Wal. Er hat sich geschworen nie wieder zu sprechen, nie wieder. Sein letzter Satz: Kommst Du bitte, das Essen ist fertig. Danach der Alptraum, mit dem Sturz. Schmerzen lassen ihn seitdem am Leben. Er hat Narben an den Knöcheln. Jede Narbe ein Schlag gegen etwas. Er steht auf und geht los.</p>
<p>Ein Gewitter zieht auf, Mütter sammeln ihre Kinder ein, auf dem Spielplatz die Spuren des Tages. Seine Füße im Sand, als die ersten Tropfen fallen. Ein rotes Förmchen, die Form eines Seepferdchens, er gräbt es mit seinem Stock aus. Enten fliegen vorüber, tief. Paarungszeit. Hier bin ich schon einmal gewesen, denkt der Mann. Er stellt sich unter die Hängebrücke aus Holz und wartet auf die Dunkelheit.</p>
<p>Der Mann weint.</p>
<p>Auf einer Litfaßsäule die Werbung für Familienurlaub, der Vater und die Mutter wirbeln ihr Kind zwischen sich in die Höhe, im Hintergrund das Meer. Weiße Zähne, sonnengebräunte Körper, Schönheitsideal. Darunter ein Plakat vom Schauspielhaus, Camus wird aufgeführt, Belagerungszustand. Als der Regen verebbt, fallen kleine Tränen in den Sand.</p>
<p>Der Mann sitzt auf einer Mauer, es ist morgen, er hat die Nacht in einem Gebüsch verbracht. Mücken haben ihn gestochen. Aber er hat lange geschlafen. Er verspürt Hunger, gestern hat er nichts gegessen. Er hat von sich geträumt, wie er immer einschlief, auf dem Sofa im Wohnzimmer, wie er Bier verschüttet hat und davon aufwachte. Wie ihn tappsende Schritte weckten, im Flur, wenn ein Traum ein schlechter Traum war.</p>
<p>Er vermisst seinen Sohn so sehr. Sein Gesicht zieht sich zusammen, ein Grimasse des Schmerzes.</p>
<p>Zuerst findet er seinen Stock nicht wieder, er muss suchen, bis er ihn findet. Er liegt immer noch gut in der Hand. Auf dem Boden liegt ein Bleistift, kleine kämpfende Roboter darauf, muss ein Kind verloren haben, denkt der Mann. Er nimmt ihn auf und steckt ihn in seine Hosentasche. Er verlässt den Spielplatz, die Kirchturmglocken läuten in den Morgen.</p>
<p>Er trinkt einen Schluck Leitungswasser, dann kommt jemand und sagt ihm, er müsse sofort verschwinden, hier dürfe er nicht bleiben, er habe hier nichts zu suchen, wenn er kein Geld habe und sich nichts kaufen würde und man sagt ihm, er stinke und dann kommen noch ein paar Beleidigungen dazu, also geht er hinaus und ist wieder auf der Straße.</p>
<p>Im Park findet er eine Tüte mit alten Brötchen, Entenbrot. Nicht alle sind verschimmelt, er isst, was essbar ist. Um sich die schnatternden Enten. Die Wiese ist noch feucht, er setzt sich auf eine Bank und schaut dem Wasser zu, der Wind malt seine Muster auf die Wasseroberfläche, Blätter treiben darin, Bläschen steigen empor, das Geräusch von Fahrradfahrern auf dem Radweg hinter ihm.</p>
<p>Seine Frau, er denkt an sie, er hat sie seit langer Zeit nicht gesehen. Sie konnte seinen Schmerz nicht heilen, ihr eigener Schmerz zu groß. Anklagen, Beschuldigungen, sie konnte nicht verstehen, warum er nicht mehr sprechen konnte, nie wieder sprechen wollte. Sie musste schreien. Sie nahmen sich nie in den Arm. Blut stand zwischen ihnen, trat aus seinem kleinen Kopf.</p>
<p>Mit dem Bleistift schreibt er eine Zeile auf die Parkbank. Es ist die erste Zeile.</p>
<p>Die Sozialarbeiterin auf dem Weg nach Hause. Der Taxifahrer mit einem Kunden im Berufsverkehr. Sie denken an ihn, hin und wieder. Den Mann, Stephan.</p>
<p>Zuerst muss er immer wieder zu dieser Bank kommen. Kann man den Satz nicht mehr lesen, schreibt er ihn erneut darüber. Dann fällt ihm der Nagel ein, er ritzt jetzt den Satz ins Holz. Er hat seine Aufgabe, er muss diesen Satz beleben. Er beginnt, ihn an anderen Orten in Bänke zu ritzen. Er baut sich eine Route auf, eine Route zu diesem Satz. Er merkt es nicht, aber er beginnt wieder zu leben.</p>
<p>Sein Bart ist wieder lang geworden. Seine Haare auch. Er hat verschiedene Stifte in seiner Tasche, er hat Nägel in seiner Tasche, er läuft mit seinem Stock durch die Stadt. Es gibt ihn nicht, diesen einen Moment, der ihn veränderte. Keine geheilte Zeit, kein Auslöser, kein Schockerlebnis. Ameisen klettern über seine Füße, wenn er im Gras sitzt und nachdenkt.</p>
<p>Es folgen weitere Sätze.</p>
<p>Mit dicken Stiften schreibt er nachts auf Plakatwände. Er schreibt auf Werbebroschüren, er schreibt auf Klingelschilder, er schreibt auf LKW-Anhänger. Er hat einen Weg gefunden, wieder zu sprechen. Das hält die Tränen nicht ab, das macht seine Träume nicht weniger schlecht, das nimmt ihm nicht den Schmerz. Aber er liegt nicht mehr auf der Straße, wird nicht mehr bespuckt und getreten.</p>
<p>Dann das Foto. Der Mann sieht sich in der Zeitung. Er schreibt auf eine Motorhaube. Sein Stock gegen den Kotflügel gelehnt. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen. In dem Artikel die Frage, wer diesen Mann kennt. Worte wie Sachbeschädigung, Schmiererei, Polizei. „Ich habe zugelassen, dass meine Unaufmerksamkeit mein Kind tötet.“ In großen Lettern, auf Seite 5.</p>
<p>Er lacht. Er lacht so laut, dass es ihn erschrickt. Er kann nicht mehr aufhören, mit dem Lachen. Ihm tut der Bauch weh. Er muss sich setzen. Jemand hält ihm eine Flasche zu trinken hin, er nimmt einen tiefen Schluck. Er sagt danke. Neben ihm sitzt ein Obdachloser, er muss sich eben erst gesetzt haben. Bevor der Obdachlose etwas zu ihm sagen kann, ist der Mann schon aufgestanden, das Klicken seines Stocks auf dem Beton.</p>
<p>Sein erstes Wort. Danke. Der Mann kann es nicht fassen. Er ist aufgewühlt und rastlos, er zieht durch die Straßen, tagelang. Es ist Sommer geworden, die Nächte sind warm. Ellie starb auch im Sommer. Seine kleinen Hände, er war gerade in die Schule gekommen, er konnte schon schreiben, er lernte immer schnell. Der Mann ritzt sich mit einem Nagel Ellies Namen in den Unterarm. Es sind tiefe Schnitte. Der Alkohol des Obdachlosen macht ihn wahnsinnig.</p>
<p>Mit seinem Stock schlägt der Mann auf einen Mülleimer ein, es scheppert in die Nacht. Er hat getrunken, er kann sich seine Worte nicht verzeihen. Ein Pärchen geht vorüber, sie schauen ihn beide an, er blutet am linken Unterarm. Und von den Knöcheln her auch, er hat gegen Bäume und Parkbänke und Spielgeräte gehauen. Es dauert Tage, bis er sich wieder fängt.</p>
<p>Am Taxistand reden die Fahrer über Stephan. Er wird der Straßenpoet genannt. Zeitungen und Fernsehen wollen ihn finden. Ein Student hat über ihn geschrieben, über die Arbeit des Mannes von der Straße, über das Gewicht seiner Worte, über den Zeitgeist, die Struktur. Man findet ein Muster in der Arbeit des Mannes. Die Taxifahrer sagen, der Taxifahrer solle über Stephan sprechen. Etwas Geld rausholen.</p>
<p>Dann die letzte Nacht. Der Mann schreibt seine Sätze an eine Mauer. Sie kommen von hinten. Sie schlagen ihn. Er fällt. Sie treten ihn. Wieder und wieder. Sie zerbrechen seinen Stock. Die Kappe seines Stiftes im Dreck. Sein Stift im Bordstein. Die Laterne ist defekt. Die nächsten Wohnungen weit, Industriegebiet.</p>
<p>Die Sozialarbeiterin meldet ihrem Chef, dass sie schwanger ist. Der freut sich darüber nicht, denn nun muss er eine Vertretung für sie finden. Er gratuliert ihr, lässt sich nichts anmerken.</p>
<p>Unsere Zeit mag keine Kinder, denn aus ihnen werden Monster. Die Monster unserer Zeit sind wir, den wir beachten nicht unsere Kinder. Unsere Kinder leben mit dem Monster der Zeit.</p>
<p>Susanne P. weint um ihren Mann. Er wurde ermordet. Vermutlich mehrere Täter. Stephan P. lebte als Obdachloser seit fünf Jahren in Düsseldorf. Seit dem tragischen Unfalltod ihres Sohnes Elias galt Stephan P. als vermisst. Man glaubt, dass es sich bei P. um den sogenannten Straßenpoeten handelt. Archivfoto.</p>
<p>Schritte in den Straßen. Es ist spät, die Bahnen fahren nicht mehr. Vereinzelt ein Tier zu hören. Die Schritte kommen näher. Vor dem Schuhgeschäft ist es heller. Eigentlich bin ich nicht ängstlich, aber ich habe Angst, Angst, dass ich ein Opfer werden könnte. Ein Opfer der Zeit, ein Opfer der Zeit. An der Wand steht etwas, ich kann es nicht lesen, ich gehe schnell nach Hause.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/tierwater.wordpress.com/199/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/tierwater.wordpress.com/199/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/tierwater.wordpress.com/199/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/tierwater.wordpress.com/199/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/tierwater.wordpress.com/199/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/tierwater.wordpress.com/199/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/tierwater.wordpress.com/199/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/tierwater.wordpress.com/199/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/tierwater.wordpress.com/199/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/tierwater.wordpress.com/199/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/tierwater.wordpress.com/199/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/tierwater.wordpress.com/199/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/tierwater.wordpress.com/199/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/tierwater.wordpress.com/199/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=199&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Taxon Frosch</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Jun 2011 14:56:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tierwater</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
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		<category><![CDATA[Taxonomie]]></category>
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		<description><![CDATA[In meinem Keller wohnt ein Frosch. Ich kann ihn hören. Wenn ich in den Keller muss, um etwas dort Abgelegtes zu holen, macht er sich bemerkbar. Er quakt. Es muss ein großer Frosch sein, seine Stimme ist lautstark. Manchmal, denke ich, möchte ich den Frosch gerne sehen. Ihn beobachten, was er so treibt, in meinem [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=184&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In meinem Keller wohnt ein Frosch. Ich kann ihn hören. Wenn ich in den Keller muss, um etwas dort Abgelegtes zu holen, macht er sich bemerkbar. Er quakt. Es muss ein großer Frosch sein, seine Stimme ist lautstark. Manchmal, denke ich, möchte ich den Frosch gerne sehen. Ihn beobachten, was er so treibt, in meinem Keller. Wovon er sich ernährt, wo er sich zur Ruhe bettet. Überhaupt frage ich mich, wie ein Frosch in einem Keller so leben kann. Sicherlich, es gibt genug Spinnen und anderes Getier, an dem er sich gütlich tun kann, und feucht und dunkel und verwinkelt ist es auch. Aber ist es das Leben eines Frosches, ich benutze ein schlimmes Wort, ist es artspezifischer Natur?</p>
<p>Ich denke nicht oft an den Frosch in meinem Keller. Manchmal werde ich gefragt, ob mein Frosch noch lebt. Von Leuten, denen ich von ihm erzählt habe. Dann hebe ich leicht die Schultern und sage, ich musste schon lange nichts mehr aus meinem Keller heraufholen. Und dann denke ich an den Frosch. Ist es wirklich „mein“ Frosch, wenn er in meinem Keller lebt? Müsste ich mich nicht besser um ihn kümmern, damit er „mein“ Frosch ist? Will ich diese Verantwortung? Immerhin ist der Frosch ein Lebewesen.</p>
<p>Was passiert mit dem Frosch, wenn ich einmal umziehen muss? Ich liege im Bett und diese Frage dringt in meinen Kopf. Zieht er mit um? Mag er mich? Nehme ich ihm seinen Lebensraum und damit sein Leben? Bin ich bereit, einen Frosch für meine persönlichen Ziele zu opfern? Ich mag es, mir des nachts den Kopf zu zerbrechen, mit derart Fragen. Meine Mutter sagte einmal: „Lieber drüber nachgedacht, als ohne Denken aufgewacht.“ Was sie wohl mit dem Frosch getan hätte. Als kleines Mädchen, so hat es mein Opa erzählt, hat sie einen Frosch aufgepustet, mit einem Strohhalm. Ich finde diese Vorstellung unschön und kann mir meine Mutter so nicht vorstellen.</p>
<p>Ich habe Besuch zu Hause, wir essen gemeinsam, wir trinken etwas, wir ziehen uns aus und haben Geschlechtsverkehr. Wir ziehen uns an, wir reden etwas &#8211; nicht über den Frosch, der hat hier keinen Platz &#8211; der Besuch verabschiedet sich und geht. Ich habe daran nichts auszusetzen, es kommt mir nicht falsch vor, es ist nun mal so, Zeitgeist, noch so ein schlimmes Wort. Der Frosch in meinem Keller hat mit Liebe bestimmt auch nicht viel am Hut. Ich mag aber die Vorstellung, dass auch er Besuch bekommt und tut, was Frösche so tun, wenn sie sich paaren. In meiner Vorstellung ist der Frosch ein Männchen.</p>
<p>Der Frosch wohnt schon seit drei Jahren in meinem Keller. Ich habe ihn schon mehrere Mal gesucht. Gefunden habe ich ihn nie. Ich habe viele Dinge in meinem Keller angesammelt, ausmisten, das müsste ich mal, nur fehlt mir dazu der Antrieb. Ich denke, mit jedem neuen Gegenstand in meinem Keller kommt ein neuer Ort, ein neues Hindernis, ein neues Versteck, ein neues Spielzeug für den Frosch hinzu. Mir gefällt der Gedanke, dass ich ihm sein Leben interessanter gestalten kann. Ich stelle mir vor, wie der Frosch, neugierig, mit angemessener Vorsicht, auf meine alte Garderobe hüpft und sie in Augenschein nimmt. Ich denke, der Frosch kann lächeln. Ich erinnere mich an ein Haiku:</p>
<p>Der alter Weiher:</p>
<p>Ein Frosch springt hinein.</p>
<p>Oh! Das Geräusch des Wassers.</p>
<p>Ich blicke in den Spiegel und quake. So, wie der Frosch in meinem Keller quakt. Ich imitiere seinen Ruf. Eben war ich hinuntergegangen, um nach einem bestimmten Werkzeug zu schauen, da habe ich ihn wieder gehört. Er lebt, das ist gut, habe ich gedacht. Ich sehe alt aus, dabei bin ich noch jung. Manchmal stehe ich lange vor dem Spiegel und schaue mich an. Es fängt damit an, dass ich einfriere, ganz still und starr werde und meine Züge begutachte. Ich blicke derart tief in mich hinein, dass sich mein Blickwinkel verändert, bis mir schwindelig wird. Dann muss ich Grimassen ziehen, wilde, ungezügelte Ausbrüche hinnehmen, um mich von meinem Selbst abzulenken. Mein Wesen ist mir unerklärlich. Mir gefällt das Leben nicht sonderlich, aber ich bin da. Ich glaube nicht an eine Bestimmung, an das Ziel meines Lebens, ich bin ein Stück Treibholz.</p>
<p>In meiner Wohnung ist es ordentlich, ich bin zur Ordnung erzogen. Auf meiner Fussmatte steht „Willkommen“. Ich trinke keinen Kaffee, aber ich koche ihn gerne für meine Gäste. Ich schlafe gerne mit meinem Besuch, ich fühle mich frei und losgelöst, wenn ich meinen Orgasmus habe. Ein anständiges, angepasstes Leben. Ich bin jemand, der keine Träume hat, sie nie hatte. Meine Schuhe stehen immer nebeneinander, nachdem ich sie ausgezogen habe. Ich hätte gerne mehr von ihr, das weiss ich. Ich fühle mich, als lebte ich schon immer in einem Keller, mit Spinnen und Getier. Ich bin auch nicht anders als dieser Frosch.</p>
<p>Eben hat mein Vater angerufen, meine Mutter ist plötzlich erkrankt, sie liegt im Krankenhaus. Ich brauche nicht kommen, sagt er, ich könne eh nicht viel tun. Ich lege auf, mit einem schalen Geschmack in meinem Mund. Ich nehme die Bahn zum Hauptbahnhof und kaufe ein Ticket. Wir haben meine Oma oft im Krankenhaus besucht, sie hatte in ihren letzten Jahren immer wieder neue Wucherungen in ihrem Körper. Sie hat gelitten, aber immer wenn wir sie besuchten, hat sie mich angelächelt und mir von ihren Bonbons gegeben. Ich habe Angst davor, meine Mutter in einem Krankenhausbett zu sehen. An meinem Mantel entdecke ich etwas Senf, am Bahngleis muss mich jemand damit vollgemacht haben. Mit einem Taschentuch und etwas Spucke reinige ich ihn so gut es geht.</p>
<p>Mein Vater ist ein kleiner Mann. Ich überrage ihn um einen Kopf. Er steht am Eingang des Krankenhauses und raucht. Wir nicken uns zu, aus Körperlichkeit haben wir uns nie viel gemacht. Ich soll schon einmal hinaufgehen, Zimmer 217. Oben, im Gang der Station frage ich eine Schwester nach einer Blumenvase, ich habe meiner Mutter Margeriten mitgebracht. Ihr geht es soweit gut, die Ärzte warten noch auf einige Testergebnisse, morgen weiss man mehr, sagt sie. Ich merke, dass sie sich freut mich zu sehen, ich selber fühle mich distanziert und steif. Ich kann nicht gut an den Tod denken. Ich bin ängstlich.</p>
<p>Ich sitze neben meinem Vater, er fährt mich nach Hause. Ich mag es nicht, dass er im Auto raucht, er hat schon immer im Auto geraucht, als Kind ist mir davon oft schlecht geworden. Einige Male habe ich mich in seinem Wagen übergeben. Wir sprechen wenig, ich habe Lust, ein Bier zu trinken, aber nicht mit ihm. Ich trinke gerne alleine Bier. Zu Hause. Wir kennen uns kaum, denke ich, er weiss nicht, dass ich meine Mutter viel mehr mag als ihn. Als er wieder losfährt atme ich tief ein, der Sauerstoff fühlt sich gut an. Atmen. In meinem Keller riecht es manchmal nach Rauch, ich glaube der Hausmeister hat hier einen Platz gefunden, an dem er zur Ruhe kommen kann. Ich lache darüber, dass in meiner Phantasie der Frosch eine Zigarette raucht und überlegt, wohin er die Asche tun soll und auch den Stummel. Ich habe keinen Aschenbecher in meinem Keller.</p>
<p>Ich komme von der Toilette, da klingelt es. Mein Blick wandert zu der Uhr in meinem Flur, es ist spät. Es ist mein Vater, er kommt langsam die Treppe hinauf. Er hat etwas zu trinken mitgebracht, er sagt, es lasse ihn nicht los. Es lasse ihn nicht los, wie wenig wir miteinander sprechen, er stellt sich Fragen und möchte gerne mit mir darüber reden. Ich bitte ihn hinein, wir setzen uns an den Küchentisch und reden. Ich gieße ihm ein, mir auch, wir trinken. Ich spüre, dass es ihm nicht leichtfällt, mit mir zu sprechen, er muss schon länger nach einem Weg gesucht haben. In der Krankheit meiner Mutter erkenne ich einen Schlüssel, seine Finger der rechten Hand sind gelb verfärbt vom Nikotin. Es fühlt sich seltsam an, aber nun sitzt er vor mir.</p>
<p>In meinem Keller wohnt ein Frosch erzähle ich ihm. Wir haben uns vorher Brote geschmiert, das Trinken hatte uns hungrig gemacht und ich sehe meinen Vater mit anderen Augen an. Ich bin überrascht. Er kennt die meisten seiner Fehler, er hat sie zugegeben, nicht ohne mir die meinen zu offenbaren, Fehler machen die Menschen zuhauf, sagt er. Ich leere mein Glas, er schenkt mir wieder neuen Wein nach und schaut mich an. Ich kenne die Bücher in seinem Schrank, ich wusste nicht, dass wir in„ Der Fänger im Roggen“ dieselbe Stelle mögen, die über den Aufsatz, den Holden für Stradlater schreibt, die mit dem Baseballhandschuh seines Bruders Allie. Er möchte gerne in den Keller gehen und den Frosch sehen, sagt mein Vater. Auf dem Tisch stehen zwei geleerte Flaschen Wein, ich bin in meiner Überraschung über unser gutes Gespräch und die Betäubung durch den Alkohol dazu bereit und ziehe meine Schuhe wieder an.</p>
<p>Ich mag den Nacken meines Vaters. Er geht vor mir die Treppe hinunter. Ich wühle in Erinnerungen und bin eigenartig aufgeregt. Mein Herz scheint wie wild durcheinander zu schlagen, allerdings bilde ich mir das bestimmt nur ein. Ob wir den Frosch zu Gesicht bekommen? Noch wollte niemand nach dem Frosch sehen, oder mir dabei helfen, ihn zu finden. Was der Frosch wohl von meinem Vater hält? Was der Frosch wohl von seinem Vater hält? Fressen nicht manchmal die Froschmännchen den Laich, wenn sie verzweifelt sind? Ist es ein Wesenszug von Fröschen, zu verzweifeln? Ich bin ganz schön betrunken, denke ich. Mein Vater wartet am Treppenabsatz, ich komme mit dem Kellerschlüssel hinunter. Er lächelt mich tatsächlich an, ich fühle mich wie ein kleiner Junge dabei, innerlich schüttele ich mich, es ist noch zu fremd, um wirklich schön zu sein.</p>
<p>Auch in meinem Keller gibt es eine Ordnung. An der linken Wand stehen zwei Aluminiumregale, darin sind Werkzeuge, kleinere Elektrogeräte, Umzugskartons mit verschiedenen Kleidungsstücken, zusätzlich in Abfallsäcken eingepackt und Bücher, die ich nicht in meiner Wohnung brauche untergebracht. Dann gibt es noch einen alten Herd und eine alte Waschmaschine, eine Kommode meiner Oma und ihre alte Garderobe. Das Haus in dem ich lebe ist alt, der Keller ist nicht renoviert, er ist dunkel und feucht. Die Wände unverputzt, rote Steine, grauschwarze Fugen, überall Staub. Es gibt hier uralte Spinnweben. Ich mag diesen Zustand nicht, gerne hätte ich einen sauberen Ort für meine Gegenstände, aber ich habe mich damit abgefunden und seinen Zustand zu akzeptieren gelernt. Außerdem gibt es ja hier den Frosch.</p>
<p>Die Enttäuschung ist meinem Vater anzusehen. Wir finden den Frosch nicht. Wir hören ihn nicht einmal. Obwohl ich ihn mehrere Male davor gewarnt habe, zieht mein Vater ein Gesicht. Ich denke, dass mein Vater nicht mehr Auto fahren kann, und ob ich ihn darauf ansprechen soll und wie er wohl fragen wird, ob er bei mir übernachten kann. Wie es wohl sein wird, ihn im Nebenraum zu wissen, diesen Mann, der sich mir vor ein paar Stunden zum ersten Mal geöffnet hat, der zum Rauchen auf den Balkon geht, der so cholerisch auf meine Mutter ein schimpfen kann, dass ich mich nicht traue, mich schützend vor sie zu stellen. Wie er sich wohl fühlen wird, in meinem Wohnzimmer, nach diesem Abend, mit seiner Frau im Krankenhaus. Ich schalte das Licht aus und folge ihm durch das Treppenhaus. Wir schweigen.</p>
<p>Er sagt, er müsse nun schlafen, er sei glücklich, dass wir miteinander gesprochen haben und dass er sich eine Wiederholung des Abends wünsche. Wir stehen in meinem Flur. Ich will ihn nicht gehen lassen, er hat zuviel getrunken, er muss noch Autobahn fahren. Aber ich traue mich nicht, ihm das zu sagen. Vielleicht hilft eine kleine Pause zwischen seinen Worten mir dabei, mich zu überwinden, aber es gibt diese kleine Pause nicht. Wir nicken uns zu, später denke ich, was wäre ich gerne von ihm in den Arm genommen worden. Dann geht er. Ich stehe noch etwas im Flur und atme. Wie wäre der Abend wohl weiter verlaufen, hätten wir den Frosch zu Gesicht bekommen. Was hätten wir dann getan? Ich hätte nicht gewollt, dass wir ihn fangen, aber ich kann mir vorstellen, dass mein Vater ihn gerne gefangen hätte. Als ich im Bett liege vergeht das glückliche Gefühl, ich fühle mich durch diesen Umstand verwirrt, ich frage mich, ob ich nur in der Lage bin, ein menschliches Wesen zu imitieren, oder warum ich nun wieder so kalt bin. Ich merke, dass es wirklich kalt ist, um mich herum.</p>
<p>Die Testergebnisse sind alle positiv, meine Mutter verlässt noch heute wieder das Krankenhaus. Sie selber ruft mich an und teilt es mir mit. Danach sitze ich wieder vor dem Computer und werte Zahlen aus, ich arbeite mit Zahlen und ihren Bedeutungen. Ich habe gegen meine Kopfschmerzen eine Tablette genommen und komme gut voran, eine Auswertung des letzten Fiskaljahres muss noch heute bei meinem Vorgesetzten vorgelegt werden. In der Mittagspause esse ich ein Frikadellenbrötchen, auf dem Parkdeck des Bürohauses, ich mag die frische Luft hier, in der Kantine riecht es nach Fett, und ich mag den Ausblick auf den Fluss.</p>
<p>Eine Email von ihr lese ich zweimal, bevor ich weiterarbeite. Sie möchte mich heute Abend besuchen. Ich schreibe, ich sei krank. Warum, weiss ich nicht genau. Heute Abend möchte ich sie nicht sehen. Weil ich nicht weiss, was ich für sie empfinde gibt es immer wieder diese Momente, in denen ich mich zurückziehe. Ich kann mich selber ganz gut analysieren, diagnostizieren, aber ich kann den Ursprung, meinen Kopf, mein Denken nicht verändern. Ich bin nicht dazu bereit. Mein Vorgesetzter ist mit meiner Arbeit zufrieden, er bedankt sich bei mir und lächelt. Ich lächle zurück, es ist ein künstliches Lächeln, es ist vollkommen ausreichend, aber nichtsagend und gegenstandslos. Ein Automatismus. Ich kann so lächeln. Ich fahre mit der Bahn nach Hause, mir gegenüber sitzt eine Frau und stillt ihr Kind. Ich möchte so gerne schnell nach Hause.</p>
<p>Ich träume von dem Frosch, ich träume von meinem Vater, die beiden verfolgen sich, erst ist es mein Vater, der den Frosch jagt, durch einen Gang mit unzähligen Türen, durch die Türen hindurch, dann ist es der Frosch, der meinen Vater jagt, aus verschiedenen Türen wieder heraus. Hintereinander her, mal rennend, mal schleichend. Mein Vater hat einen übertrieben großen Hammer hinter seinem Rücken, er will den Frosch damit zerquetschen, der Frosch flieht auf Rollschuhen, er fliegt an einem Ballon zur Decke empor und rettet sich so. Es geht immer so weiter. Dann verändert sich der Traum, ich schlafe mit ihr, ich bewege mich langsam und zärtlich, ihre Beine schlingen sich um meine Hüfte, wir bewegen uns gleichmäßig, sind eins, ich fühle mich ausgezeichnet, da erkenne ich das Krankenhausbett und ich wache auf. Ich gieße mir am Kühlschrank etwas Milch ein, trinke sie und putzte mir erneut die Zähne. Ich habe in meinen Spiegel gequakt. Mich selber angequakt.</p>
<p>Ich bin auf der Straße unterwegs. Es ist Wochenende, es gehen einige Leute spazieren. Ich gehe zur Bücherei, ich muss einige Bücher zurückgeben. Es ist schönes Wetter. Ich muss an die Spaziergänge mit meinem Opa denken, mit den Hunden, über die Felder, an den Mirabellenbaum im Garten, an meine Oma in ihrem Kittel, an den Geruch von Hundefutter im Vorratsschrank, wenn ich mich im Spiel darin versteckte. Ich habe meine Großeltern sehr geliebt. Als ich klein war. Als ich älter wurde, habe ich sie nicht mehr oft gesehen, sie wurden mir egal, scheint es, ich kenne diese Art von Familienbande nicht, wie andere Familien sie durchaus haben. Ich sehne mich eigentlich danach. Aber ich kann das Band nicht zerreissen, dieses Band, das mich hält und mich zurückschleudert und das in mir festgewachsen ist. Ich werde traurig und beeile mich mit meinen weiteren Erledigungen. Wie kommt es, dass ich lieber alleine bin, frage ich mich. Die Stadt um mich herum in einer sonderbaren Stimmung, so laut und gefährlich und wild und verschieden, aber trotzdem wie ein zuhause, so behütet und beschützt kam ich mir vor, zwischen den Hauswänden mit ihren vielen Türen, im Regen. Heute habe ich mich absichtlich betrunken. So scheint es. Ich will den Frosch sehen.</p>
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		<title>Regentropfen auf Seite Einhundert Fünfunddreißig</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Jun 2011 10:54:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tierwater</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Tatsächlich muss ich etwas lachen. Es wird der Augenblick kommen, da werde ich mir Sorgen machen, aber gerade ist es einfach nur schön. Ich habe einen freien Nachmittag, ich bin nicht mehr in diesem Gefängnis, ich muss nicht mehr Dinge tun, die mir zuwider sind. Ich kann leben. Es ist vierzehn Uhr zweiundzwanzig, ich kaufe [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=178&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Tatsächlich muss ich etwas lachen. Es wird der Augenblick kommen, da werde ich mir Sorgen machen, aber gerade ist es einfach nur schön. Ich habe einen freien Nachmittag, ich bin nicht mehr in diesem Gefängnis, ich muss nicht mehr Dinge tun, die mir zuwider sind. Ich kann leben. Es ist vierzehn Uhr zweiundzwanzig, ich kaufe mir ein Bier und setze mich an den Fluss. Ich schlage mein Buch auf und lese, auf der Wiese liegt Abfall herum, ein Mann sucht nach Pfandflaschen. Ich habe meine Strümpfe ausgezogen und meinen Kopf auf meine Tasche gelegt. Vögel sitzen in den Bäumen.</p>
<p>Ich wache auf. Es hat angefangen zu regnen. Ich habe einige Zeit geschlafen. Verworrene Bilder, noch in meinem Kopf. Ich erinnere mich an eine Bar, in der ich saß, ich bekomme eine Pistole, von wem, das kann ich nicht genau erkennen, sein Gesicht ist dunkel, und verschwommen. Er, es ist eindeutig ein Mann, hat mir einen Auftrag gegeben, doch auch dieser bleibt undeutlich. Ich bin auf den Straßen unterwegs, die Pistole in meinen Hosenbund geschoben. Ich höre Hunde bellen, in einer Seitenstraße.</p>
<p>Regentropfen auf Seite einhundert fünfunddreißig.</p>
<p>Ich entscheide mich, mit einem Experiment zu beginnen. Ich will nicht mehr sprechen. Es gibt nichts mehr zu sagen, fühle ich. Ich will hören, aber nicht mehr reden.</p>
<p>Beobachtungen:</p>
<p>Zwei Autos, ineinander verkeilt, Auffahrunfall. Niemand verletzt. Wütende Fahrer. Beschuldigungen, Schuldzuweisungen, Schuld. Es gibt Handgreiflichkeiten. Plötzlich Blut. Ein Mercedes, ein BMW, zwei Anzüge. Kein Verstand. Faustrecht vor den Policen der Versicherungen. Telefone klingeln in Taschen. Polizei. Ich lache.</p>
<p>Spielplatz. Zigarettenstummel überall. Zwei Jungs, um die fünfzehn, BlueTooth Verbindungen aufgebaut, ein Mädchen hat einen Schwanz im Arsch und einen Schwanz im Mund. Die ist bei mir in der Klasse, voll die Nutte. Kleinkinder spielen im Sand, der Eiswagen klingelt, ein Fahrrad mit zertretenen Reifen liegt im Gebüsch, ich lache.</p>
<p>In der Bahn, Sie, Mitte siebzig, ungefähr, setzt sich nach aussen, niemand soll neben ihr sitzen. Eine Mutter, Türkin, steht mit ihren Kindern, drei, sechs, zehn, alle trinken aus der gleichen Flasche Cola. Er zieht eine vorher ausgedrückte Kippe aus der Tasche, er stinkt, er steigt gleich aus, ohne Obdach. Der Kontrolleur ist dumm wie Dosenbrot. Ich lache.</p>
<p>Mir spukt seit ein paar Tagen ein Gedicht durch den Kopf, besser gesagt, ein paar Zeilen, aber ich bekomme sie nicht zu fassen. Sprache ist etwas wundervolles. Ich schließe meine Wohnungstüre, schnappe mir aus meiner Tasche meinen Kalender und beginne zu schreiben. Ich will so viele Dinge einbauen, es soll ein wichtiges Gedicht werden, die Sprache verdichtet, lupenrein und messerscharf, kein Wort zuviel. Ich will keine Reime, ich will Tempo und Rhythmus. Ich schreibe um, ich schreibe hin und her, ich habe die Worte, sie stehen alle auf dem Papier, doch es will mir nicht gelingen. Nicht heute, denke ich und weiß, ich werde Angst haben, vor dem nächsten Versuch. Warum ist etwas, das man so sehr mag, manchmal einfach zu schwer?</p>
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	</item>
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		<title>Generationenkonflikt</title>
		<link>http://tierwater.wordpress.com/2011/05/07/generationenkonflikt/</link>
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		<pubDate>Sat, 07 May 2011 06:52:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tierwater</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Dickkopf, der sture kleine Mann, der mir eines Tages ein Gedicht geschrieben hatte: eine Hyäne leckt an ihrer Scheiße und der kalte Strahl des Mondlichts umgarnt die Steppe so geht das Leben seinen Weg im Angesicht der Müdigkeit fünf Sterne für Mama und Rosen für sein Grab wo bist Du Leben, wo ist Sinn. [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=174&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Dickkopf, der sture kleine Mann, der mir eines Tages ein Gedicht geschrieben hatte:</p>
<p><em>eine Hyäne leckt an ihrer Scheiße und </em></p>
<p><em>der kalte Strahl des Mondlichts umgarnt die Steppe</em></p>
<p><em> so geht das Leben seinen Weg</em></p>
<p><em>im Angesicht der Müdigkeit</em></p>
<p><em>fünf Sterne für Mama und Rosen für sein Grab</em></p>
<p><em> wo bist Du Leben, wo ist Sinn. </em></p>
<p><em>Gemeinheit schon den ganzen Tag&#8230;</em></p>
<p>Gedichte&#8230;. sollten wir mehr schreiben<em><br />
</em></p>
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	</item>
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		<title>Kraken</title>
		<link>http://tierwater.wordpress.com/2010/07/30/kraken/</link>
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		<pubDate>Fri, 30 Jul 2010 13:41:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tierwater</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Arme]]></category>
		<category><![CDATA[Erik Kraken]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerung]]></category>
		<category><![CDATA[Fahrrad]]></category>
		<category><![CDATA[Hommage]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Korallenriff]]></category>
		<category><![CDATA[Kraken]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Mord]]></category>
		<category><![CDATA[Mundstück]]></category>
		<category><![CDATA[Nachtisch]]></category>
		<category><![CDATA[Phil Collins]]></category>
		<category><![CDATA[Tauchen]]></category>
		<category><![CDATA[Tentakel]]></category>
		<category><![CDATA[Totenfeier]]></category>
		<category><![CDATA[Unfall]]></category>
		<category><![CDATA[Unterwasser]]></category>
		<category><![CDATA[Wahn]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich bestelle mir keinen Nachtisch. „Nein, heute nicht. Ich kann nichts mehr essen.“ Meine rechte Hand fährt symbolisch über meinen Bauch, ich seufze dabei. „Ist es denn okay für dich, wenn ich noch etwas bestelle?“ Petra schaut mich fragend an. „Ich hab mich schon so auf das Eis hier gefreut“, flüstert sie mir zu. Ich [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=149&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich bestelle mir keinen Nachtisch.</p>
<p>„Nein, heute nicht. Ich kann nichts mehr essen.“ Meine rechte Hand fährt symbolisch über meinen Bauch, ich seufze dabei.</p>
<p>„Ist es denn okay für dich, wenn ich noch etwas bestelle?“ Petra schaut mich fragend an. „Ich hab mich schon so auf das Eis hier gefreut“, flüstert sie mir zu.</p>
<p>Ich lächle sie an. „Nein, nein, das ist überhaupt kein Problem. Bestell dir nur, was du möchtest.“ Ich lehne mich zurück und fahre mir durch die Haare. „Das Eis hier ist wirklich sehr gut, es ist eine Schande, dass da nichts mehr hinein passt.“ Ich deute wieder auf meinen Bauch.</p>
<p>Ich winke den Kellner herbei und lasse sie sich das Eis bestellen. Mir gefällt, wie sie mit ihm spricht, wie sich ihre Lippen bewegen, wie ihr Haar auf den Schultern ruht. Ihre linke Hand liegt ganz ruhig auf dem Tisch, sie hat zarte, feingliedrige Finger. Sie bittet den Mann um einen zweiten Löffel und neigt dabei ihren Kopf in meine Richtung.</p>
<p>„Möchte der Herr vielleicht noch einen Kaffee zu sich nehmen?“, wendet sich der Kellner an mich. Ich lehne dankend ab. Aus Kaffee habe ich mir nie etwas gemacht. Er schmeckt mir nicht sonderlich, daher verzichte ich meist auf ihn.</p>
<p>Er lässt uns zurück an unserem Tisch und geht mit unserer Bestellung zur Küche. Ich lächle sie erneut an, mache ihr ein Kompliment zu ihrem Aussehen und schiebe meine Hand über den Tisch zu ihr hinüber. Getarnt. Sie ergreift sie. Sie sieht sehr glücklich aus.</p>
<p>Mein Name ist Erik Kraken. Ich bin zweiundvierzig, Rechtsanwalt, eigene Kanzlei, mit vier Angestellten. Ich bin unverheiratet. Ich treffe mich seit einigen Wochen mit Petra. Petra ist Bibliothekarin und sieben Jahre jünger als ich. Sie ist blond, schlank und groß, trägt gerne stilvolle Kleidung. Wir haben uns kennengelernt, als ich zur Bibliothek musste, um ein paar Bücher zurückzubringen.</p>
<p>Petra hat einen Sohn, Konrad, er ist sechs Jahre alt. Er ist auch blond, ich habe mehrere Fotografien von ihm gesehen. „Ich mag Kinder“, habe ich ihr gesagt. „Es hat nur nie zu eigenen gereicht.“</p>
<p>Heute ist ein besonderer Tag für uns. Petras Mutter passt auf den Jungen auf und Petra wird bei mir übernachten. Zum ersten mal. Bisher waren wir nicht intim miteinander. Ich habe es dabei beruhen lassen, ihr zu schmeicheln und sie zaghaft zu berühren. Ich küsse sie meist auf den Mundwinkel.</p>
<p>„Bitte entschuldige mich“, sagt sie. „Ich verschwinde nur für einen kleinen Augenblick.“ Auf dem Weg zur Toilette blickt sie zu mir zurück, dreht sich wieder um. Meine Beine entspannen sich, ich bewege meine Füße in kreisenden Bewegungen. Ich trinke einen Schluck Wein. Er ist ganz okay, aber maßlos überteuert.</p>
<p>Nach dem Eis plaudern wir noch ein bisschen über das Theaterstück. Ich habe uns Karten besorgt. Petra ist es nicht gewohnt, ins Theater zu gehen.</p>
<p>„Ich bin so aufgeregt, Erik.“ Sie sieht mich an und ihre Augen funkeln.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p>Wir sitzen in meinem Mercedes, ich betätige den Blinker und schere aus. Im CD-Spieler läuft ein alter Phil Collins Song, leise summe ich die Melodie mit. Im Kofferraum befindet sich die Tasche mit Petras Wäsche und ihren Toilettenartikeln. Sie schaut zu mir hinüber.</p>
<p>„Es ist wundervoll.“  Sie berührt meine Schulter, streichelt meinen Oberarm. „Du bist wundervoll, Erik.“ Sie beugt sich hinüber. Ich lasse zu, dass sie ihren Kopf an mich schmiegt. „Nein, du bist wundervoll“, sage ich und berühre ihre Wange.</p>
<p>Sie sitzt mit glänzenden Augen neben mir, ihren Blick auf die Bühne gerichtet. Die Inszenierung ist modern, zu laut und zu bunt. Der Hauptdarsteller ist ein Stümper und die Dramaturgie mir ein Gräuel. Petra wischt sich ihre Hand an einem Taschentuch ab und ergreift dann wieder die meine, ich schaue oft zu ihr hinüber. Ich weiß, dass sie meine Blicke mitbekommt.</p>
<p>„Einfach nur hinreißend. Sie stirbt, er trauert um sie, sie erscheint ihm. Dann der Lichtwechsel, ach, ich sage es Dir.“ Ihr fehlen die Worte, ich ergänze sie: „Wie er da alleine auf der Wiese liegt und Gott und die Familie und jeden verdammt, wie der Regisseur da die Ambiguität seines Charakters interpretiert, mit den Streichern aus dem Nirgendwo, das Changieren des Lichtes hin zu dem warmen Sepia-Ton, wie die Bühne ihn gefangen hält, ein Körper über seiner  Seele, das Bühnenbild, einem Exoskelett gleich, das hat schon ganz große Klasse.“</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p>Meine Wohnung. Ich stelle ihre Tasche an die Garderobe. „Soll ich Dir die Wohnung zeigen?“, frage ich.</p>
<p>„Ja, bitte.“</p>
<p>Ich greife nach ihrer Hand und führe sie durch den Flur in mein Wohnzimmer. Es gefällt ihr. „Sehr“, sagt sie. Ich bemerke, wie sie meine Einrichtung begutachtet. Sie ist beeindruckt. Auch von den anderen Zimmern.</p>
<p>„Möchtest Du noch etwas trinken?“, frage ich sie. „Etwas leichtes?“, füge ich hinzu. Wir setzen uns ins Wohnzimmer und trinken einen Digestif. Sie erwartet, dass ich mich ihr nun nähere. Ich spüre es. Wir küssen uns.</p>
<p>Wir sind im Schlafzimmer.</p>
<p>Ich bewege mich auf ihr, ich lasse mich auf ihren Rhythmus ein. Sie ist leise im Bett, ich fühle ihre Muskulatur. Ich liebe sie sanft, gebe ihr genug Zeit, um mir Zeichen zu schicken. Ihre Hand greift nach meinem Laken, klammert sich daran fest. Ich küsse ihren Hals, als sie sich unter mir aufbäumt.</p>
<p>Sie schläft in meinen Armen ein.</p>
<p>Ich betrete die Dusche und wasche mich gründlich. Wassertropfen perlen von meiner  Kopfhaut. Ich werde mir noch die Zähne putzen müssen, denke ich, als mir die Bilder von Konrad durch den Kopf schießen. Ich lächle. Ich träume.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p><em>Meine Mutter stellt mir die Schüssel mit Nudeln hin. Ich greife danach und gebe welche auf meinen Teller. Sie dampfen noch. Mein Vater hat die Sauciere in der Hand. Er gießt die Sauce über die Nudeln, eine braune, dicke Flüssigkeit. Grobe Zwiebelstücke schwimmen darin. Dann schlägt Vater plötzlich mit der anderen Hand nach meinem Bruder. Er trifft ihn im Gesicht. </em></p>
<p><em>„An meinem Tisch“, er wird lauter, „an meinem Tisch steckst du dir nicht die Finger in die Nase, oder“, und dabei dreht er sich zu meinem Bruder herum, „oder“, er wird ganz ruhig, ich sehe wie er Paul fixiert, „ich hack sie Dir ab!“</em></p>
<p><em>Sein Gesicht eine verborgene Grimasse.</em></p>
<p><em>Blut tropft meinem Bruder auf das Hemd. Er weint nicht. Er weiß, das würde es nur schlimmer machen.</em></p>
<p><em>Ich senke den Kopf. Vater hat etwas Sauce neben meinen Teller gegossen. Wenn er es bemerkt, wird er Paul noch einmal schlagen. Ich versuche, meine Serviette darüber zu legen. Meine Mutter schweigt dazu, ihr Blick kalt und fort. </em></p>
<p><em>Wir essen.</em></p>
<p><em>Vater bemerkt den Fleck, als ich mir die Lippen säubere.</em></p>
<p><em>Ich bin sieben.</em></p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p>Eine Woche später lerne ich Konrad kennen. Ich bin aufgeregt. Wir gehen in den Zoo. Petra trägt ein Kleid, etwas zu elegant für den Zoo, vielleicht. Konrad ist etwas größer, als ich ihn mir vorgestellt habe. „Seine Haare müssen unbedingt geschnitten werden“, sagt Petra zu mir, als wir vor der Voliere der Raubvögel stehen. Dabei lächelt sie mich an. Ich kann es kaum glauben.</p>
<p>Konrad ist still. Er ist artig und gut erzogen. Höflich reicht er mir die Hand zur Begrüßung und bedankt sich am Abend für den schönen Tag.</p>
<p>„So ein lieber Junge“, sage ich zu Petra später am Telefon. Sie ruft mich an, ich rufe sie an. Sie versucht, ihre Wurzeln ausschlagen zu lassen. Ich gebe mich ihr gegenüber zuneigungsvoll und klassisch. Ich gehe nach dem Gespräch hinunter und fahre den Wagen zur Waschstraße.</p>
<p>Ich leihe mir in der Videothek ein, zwei Filme aus, die ich mir nicht angucken werde.</p>
<p>Ich kann es nicht glauben, dass sie nichts bemerkt.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p><em>„Da ist ein Mann hinter den Büschen, der zeigt Dir seinen Puller!“</em></p>
<p><em>„Ja?“</em></p>
<p><em>Wir sind unterwegs, Paul und ich, und noch zwei Freunde, mit den Rädern. Ich zeige auf eine Stelle weiter vorne. </em></p>
<p><em>„Da drüben.“</em></p>
<p><em>„Ich will das nicht sehen.“</em></p>
<p><em>„Komm schon, du kleiner Hosenscheißer!“</em></p>
<p><em>Doch Paul hat Angst. Er hat gelernt, dass man das nicht darf. Den Puller zeigen.</em></p>
<p><em>Wir ärgern ihn. Wir fahren einfach davon. In Richtung des Mannes. </em></p>
<p><em>Ich drehe mich nicht zu ihm um.</em></p>
<p><em>Meine Mutter schlägt mir auf die Lippe, dass es blutet. Sie schließt mich in meinem Zimmer ein. Ich bekomme kein Abendessen. Dann der Besuch meines Vaters.</em></p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p>Ich erzähle Konrad von meiner Arbeit. Wie ich Menschen helfe, denen etwas Ungerechtes widerfahren ist. Wie ich mich für sie einsetze. Warum ich an unser Rechtssystem glaube.</p>
<p>Petra kommt hinüber und legt ihren Arm um meine Schulter. Ich fahre innerlich zusammen.</p>
<p>„Jetzt ist aber gut, ihr zwei. Kommt zu Tisch, das Essen ist fertig.“</p>
<p>Es schmeckt nicht. Petra ist keine gute Köchin. Konrad isst brav seine Kartoffeln. Ich esse meinen Teller leer und strecke meine Arme nach Petra aus. Statt Worten gebe ich ihr einen Kuss auf die Wange. Konrad muss lächeln. Wir lachen alle darüber. Wie eine kleine Familie.</p>
<p>Petras Eltern sind ein Alptraum.</p>
<p>Ich sitze in meinem Bürostuhl und versuche mich auf mein aktuelles Mandat einzulassen. Es will mir nicht recht gelingen. Immer wieder fällt mein Blick auf das Foto, das Konrad und Petra mir zu meinem dreiundvierzigsten Geburtstag geschenkt haben. Immer wieder blende ich Petra weg, immer wieder schaue ich in die lächelnden  Augen des Jungen. Immer wieder Konrad, der vor seiner Mutter steht und mir in die Augen schaut. Ich summe leise ein Lied.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p><em>Paul ist tot. Er ist überfahren worden. Gestern. </em></p>
<p><em>Totenfeier.</em></p>
<p><em>Alle sind sie bei uns, alle in schwarz, alle mit ihren langen Armen und ihren langen Fingern. Sie greifen nach mir, sie ziehen mich an sich. Wie Tentakel wickeln sie sich fester um mich und schnüren mir die Luft ab. Ich sehe nur die Schwärze ihrer Kleidung. Und die nackte, kalte Haut, kaltes Fleisch. </em></p>
<p><em>Mutter weint. Vater weint. Die Welt sieht aus wie ein Bild der Vergangenheit, eingerahmt stehend auf Großmutters Vitrine. Die Tränen entziehen dem Bild die Farbe, sie berauben es seiner Schärfe.</em></p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p>Wir suchen uns ein Haus. Petra formuliert es: „Wir ziehen zusammen. Wir machen Ernst!“</p>
<p>Ihre Eltern sind aus dem „Häuschen“. Nachdem dieser Lump ihre Tochter verlassen und mit dem Jungen alleine gelassen hatte, hatten sie die Hoffnung wohl bereits aufgegeben. Ich akzeptiere Petra. Ich gebe vor, sie zu lieben. Der Sex ekelt mich an. Wir sprechen viel über Literatur, ihr Fachgebiet. Und über Konrad. Solche Verbindungspunkte sind wichtig.</p>
<p>„Das überlasse ich Dir, Schatz.“ Ich werde mich nicht mit solchen Nichtigkeiten wie dem Farbton der neuen Vorhänge beschäftigen. „Du hast für so etwas doch ein Auge.“</p>
<p>Sie könnte schlimmer sein. Das mag ich an ihr.</p>
<p>Und dass sie es nicht merkt.</p>
<p>Im Kinderzimmer sieht es aus wie in einem Aquarium. Paul interessiert sich sehr für das Leben im Wasser. Ich habe ihm Bildbände und DVDs über die Ozeane und ihre Bewohner geschenkt. Petra stand gerührt neben mir, als die Maler mit der Unterwasserlandschaft an den Wänden fertig waren.</p>
<p>„Ich liebe Dich, Erik.“</p>
<p>Sie muss schlucken.</p>
<p>„Konrad wird so glücklich sein, wenn er das sieht. Und ich bin es jetzt schon!“</p>
<p>Ich spiele mit. Eine Träne läuft über meine Wange.</p>
<p>„Petra, Konrad und du, ihr habt doch mich gerettet. Ich habe doch gar nichts getan.“</p>
<p>Meine Stimme bricht.</p>
<p>„Petra, ich weiß, du hast Dir diesen Moment vielleicht anders vorgestellt, aber…“</p>
<p>Inmitten Konrads neuen Zimmers, zwischen Umzugskartons und Farbeimern &#8211; wir beide, mit Tränen in den Augen und zittrigen Händen &#8211; ziehe ich einen Ring aus meinem Jackett und halte um Petras Hand an.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p><em>Pauls Sachen verschwinden einfach so. Seine Kleidung, seine Schuhe, sogar seine Bilder. Meine Eltern kommen nicht über den Verlust hinweg. Sie sprechen nie über ihn. Sie schweigen ihn aus. Ich träume von seinem Unfall, dem Fahrer kann ich keine Schuld geben. Eher mir. Ich hatte den Wagen gesehen. </em></p>
<p><em>Sogar seine Möbel verschwanden. </em></p>
<p><em>Einzig ein Buch. Ein Buch über die Tiefsee. Es steht in meinem neuen, viel größerem Kinderzimmer. </em></p>
<p><em>Vater hat seinen Job verloren.</em></p>
<p><em>Ich bin zwölf.</em></p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p><em> </em></p>
<p>Die Hochzeit ist klein gehalten. Ihre Eltern, ihre besten Freundinnen, Konrad und ein paar seiner Schulkameraden. Von meiner Seite kommen die Kollegen und ein Freund aus alten Schultagen. Ich arbeite viel, da ist nicht genug Zeit, soziale Kontakte zu pflegen.</p>
<p>„Außerdem“, ich lächle,“ habe ich ja nun Petra. Und Konrad.“</p>
<p>Ich bin am Ziel.</p>
<p>Es wird schlimmer.</p>
<p>Und schlimmer, je mehr Zeit verstreicht.</p>
<p>Ich rasiere mich. Mit einem Nassrasierer. Ich grinse wie verrückt in den Spiegel. Ich bin es leid mich zu verstecken. Petra, Petra, Petra.</p>
<p>Dies und das und, und, und.</p>
<p>Ich verbringe viel Zeit mit Konrad, wir sind uns sehr nahe gekommen in den letzten zwei Jahren. Morgen werden wir verreisen. Nach Florida, Sea-World.</p>
<p>Ihre Eltern melden sich. Sie wünschen uns eine gute Reise und viel Spaß.</p>
<p>Ich sitze im Flugzeug neben Petra. Ich kann ihren Geruch nicht mehr ertragen. Sie trägt dieses Parfum, es ist eine Beleidigung. Ich frage sie, ob sie noch etwas zu trinken haben möchte und stehe auf. Konrad frage ich auch. Ich bestelle bei der Stewardess und gehe zur Toilette. Ich übergebe mich hart.</p>
<p>Ich bin ein ODOL-Mann geworden.</p>
<p>Petra fragt mich, warum ich Konrad Paul genannt habe</p>
<p>Im Hotelzimmer, ein großes, aber keine Suite, lieben wir uns. Petra gibt sich verrucht. Sie will mich verführen, “macht ordentlich an mir rum“, ich lasse sie gewähren.</p>
<p>Wir liegen im Bett, ich schlafe fast. Sie sagt, sie möchte noch ein Kind. Ein Kind von mir. Hier, im Urlaub zeugen. Sie sagt, sie verhütet nicht mehr. Ich gebe vor zu schlafen.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p><em>Wir blättern rasch durch das Buch. Diese eine Seite will er immer sehen. Die mit dem Pottwal. Mit dem Kraken in seinem Maul. Mit Fangarmen. Sein Auge. Eine Zeichnung. Unglaublich. Pauls Blick. </em></p>
<p><em>Ein Sprung.</em></p>
<p><em>Mutter wird neben Vater beerdigt.</em></p>
<p><em>Sie sind alle wieder da. Arme, überall Arme. Sie greifen nach mir, ich …</em></p>
<p><em>Ich bin vierundzwanzig.</em></p>
<p>Ich schreie.</p>
<p>Es muss bald geschehen.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p>Wir tauchen. Sie ist fasziniert. Ich kann es an ihren Augen erkennen. Das Riff liegt wenige Meter unter uns. Ich gebe ihr ein Zeichen mir zu folgen. Ein paar schnelle Flossenschläge. Sie kommt nicht hinterher, ich bin verschwunden. Warte. Lauere. Ich greife nach ihr, als sie vorbeischwimmt, ziehe sie in mein Versteck. Ich reiße ihr das Mundstück aus dem Mund. Sie wirbelt herum. Unsere Taucherbrillen berühren sich, sie sieht in meine Augen, ich drücke sie an mich, ich lasse sie nicht los. Ihre Arme unfähig, das Mundstück zu greifen. Ich sehe wie sie stirbt, wie das Licht in ihren Augen verblasst, wie das Leben aus ihr weicht. Ich schiebe ihr das Mundstück in den Mund zurück. Ich greife ihre Hand und ziehe sie hinter mir her. Ich drücke ihren Körper gegen die Korallen, bis der Atemschlauch beeinträchtigt ist. Bläschen steigen auf. Das ist der Unfall. Ich versetze mich in blankes Entsetzen. Ich presse meiner toten Frau mein Mundstück in den Mund, ich tauche mit ihr auf, ich schrei um Hilfe, ich bin außer mir. Ich denke an Konrad.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p>Es ist kalt geworden. Schnee liegt in der Luft. Ich stehe im Garten und höre sie sagen:</p>
<p><em>„Meinem Sohn gefällt dieses Buch auch sehr.“</em></p>
<p><em>Die Kundin vor mir nimmt eine Reihe Kinderbücher wieder an sich. Petra steht hinter dem Schalter, ein gerahmtes Bild neben dem Monitor.</em></p>
<p>Ich habe mich in genau diesem Moment dazu entschieden. Sie scheint die richtige zu sein, habe ich gedacht. Diese große, junge Bibliothekarin, mit dem blonden Jungen im Arm. Ich hatte ein klares Bild vor Augen.</p>
<p>Erinnerungen. Wie ich sie wieder besuche, mit Büchern, die ich nicht lesen werde, in meinen Armen.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p><em>Ich bin ihretwegen Anwalt geworden. Nicht dass sie einen Anwalt aus mir machen wollten, nein, ich wollte es ihnen zeigen. Ich wollte ihnen beweisen, dass ich ein guter Junge bin. Ihr guter Junge. Doch der war gestorben, getötet worden. Ich war da. Sie haben ihn mir weggenommen und mich vergessen. Der Fahrer weinte bitterlich. Paul war zwischen zwei Autos auf die Straße gefahren. Meine Eltern sprachen nie darüber. Sie haben ihn mir weggenommen und mich vergessen. Ich hätte Paul retten können. Ich hätte Paul beschützen sollen. Sie taten so, als hätte es ihn nie gegeben. Ich trauerte inmitten meiner Verwandten. Zerrissen, umklammert, gefangen. Ich hatte Schuld. Doch sie haben ihn mir weggenommen und mich vergessen. Ich lernte zu sprechen, zu überzeugen, zu manipulieren, touchieren, suggerieren, ich lernte ihnen die Schuld zu geben. Und sie waren schuldig. Paul. Sie starben früh genug und sie starben zu recht.</em></p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p>Totenfeier, alle in schwarz, alle unsagbar alt. Erinnerungen.</p>
<p>„Oh Erik, es tut mir so leid. So unendlich leid.“</p>
<p>„Wenn wir etwas für Dich tun können, sag bitte Bescheid.“</p>
<p>„Lass Dir Zeit, wir alle stehen hinter Dir.“</p>
<p>„Sie war ein solcher Engel.“</p>
<p>Ich lasse nicht zu, dass sie ihn mitnehmen, ich lasse nicht zu, dass sie ihn an sich reißen, ihn einklammern, ihn erwürgen. Ich rette ihn. Ich werde ihn nicht noch einmal verlieren. Ich werde sich die Geschichte nicht wiederholen lassen. Der schwarze Kraken Trauer wird aufgefressen werden. Konrad weint, er wird Geborgenheit in mir wieder erlangen. Er rettet mich und ich rette ihn.</p>
<p>Petras Eltern akzeptieren Konrads Wunsch. Er möchte bei mir bleiben. Ich bin sein Vater.  Ich werde für ihn da sein.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<p><em>Paul fragt mich, ob auch manchmal der Kraken gewinnt.</em></p>
<p>„Warum nicht“, sage ich zu Konrad. „Er muss sich nur befreien.“</p>
<p>Ich nicke ihm zu und deute auf die Karte.</p>
<p>„Noch etwas Nachtisch?“</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/tierwater.wordpress.com/149/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/tierwater.wordpress.com/149/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/tierwater.wordpress.com/149/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/tierwater.wordpress.com/149/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/tierwater.wordpress.com/149/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/tierwater.wordpress.com/149/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/tierwater.wordpress.com/149/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/tierwater.wordpress.com/149/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/tierwater.wordpress.com/149/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/tierwater.wordpress.com/149/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/tierwater.wordpress.com/149/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/tierwater.wordpress.com/149/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/tierwater.wordpress.com/149/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/tierwater.wordpress.com/149/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=149&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Maschinenstürmer</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Jun 2010 15:36:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tierwater</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Anarchie]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitslosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Attentat]]></category>
		<category><![CDATA[Botschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Explosionen]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Maschinenstürmer]]></category>
		<category><![CDATA[Plan]]></category>
		<category><![CDATA[Short cut]]></category>
		<category><![CDATA[Sprengstoff]]></category>
		<category><![CDATA[ziviler Ungehorsam]]></category>

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		<description><![CDATA[Sie zerknüllte den Briefumschlag, warf ihn zum Altpapier, kopfschüttelnd. Die Sonne blinzelte durch die Vorhänge. Draußen, auf der Straße, zwischen zwei geparkten Autos suchte eine Katze Schutz vor der Hitze. Die laute Musik eines Autoradios drang hinauf in die Wohnung der jungen Frau, sie setze sich an ihren Küchentisch und trank einen Schluck Wasser. Schon [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=102&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sie zerknüllte den Briefumschlag, warf ihn zum Altpapier, kopfschüttelnd. Die Sonne blinzelte durch die Vorhänge. Draußen, auf der Straße, zwischen zwei geparkten Autos suchte eine Katze Schutz vor der Hitze. Die laute Musik eines Autoradios drang hinauf in die Wohnung der jungen Frau, sie setze sich an ihren Küchentisch und trank einen Schluck Wasser. Schon wieder eine Absage, dachte sie. Ihre Haare hingen ihr tief ins Gesicht, sie schluckte, stellte ihr Glas an die Spüle und zog sich ihre Schuhe an. Sie musste raus.</p>
<p>Zwei Kerle schauten ihr hinterher, sie spürte deren Blicke auf sich. In der Nähe hupte ein Auto. Aus der Wohnung, an der sie gerade vorbeiging, hörte sie das Schreien eines kleinen Kindes. Es war heiß in der Stadt. Sie kam an der Videothek vorbei und starrte auf die Plakate der Neuerscheinungen. Waffen, Titten, Autos, Blut. Der Geruch von gegrilltem Lammfleisch hing würzig in der Luft. Sie bog ab, in die nächste Straße. Im Schatten des Wohnblocks gab es einen Kinderspielplatz, lautes, vergnügtes Treiben empfing sie dort. Sie setze sich auf eine Parkbank, sah den Kindern zu und ruhte sich aus.</p>
<p>Wieso, fragte sie sich.</p>
<p>Sie hatte sie alle abgeheftet, alle einundsiebzig. Einundsiebzig Absagen.</p>
<p>Am Abend  war es immer noch nicht kühler, das Thermostaat ihrer kleinen Wohnung zeigte ihr eine Temperatur von sechsundzwanzigkommadrei Grad an. Sie hörte den Kühlschrank kämpfen. Im Schlafzimmer war es angenehmer. Sie war so zornig, sie hätte am liebsten Scheiben eingeschmissen und um sich getreten und lauthals geschrien: ihr könnt mich mal.</p>
<p>Ihre Eltern sorgten sich um sie. Die Mutter rief ständig an und lag ihr in den Ohren mit ihrem: &#8222;Lass den Kopf nicht hängen, kämpfe&#8220;,  und ihr Vater, obschon auch er nicht viel Geld mit nach Hause brachte, überwies ihr ab und zu kleinere Beträge. Im Verwendungszweck stand dann immer: Du weißt Bescheid, ne? Es war einfach nicht zum Aushalten. Das waren diese Momente, diese Augenblicke, wo sie nicht mehr hier sein wollte, in einer Welt, einer Gesellschaft, deren Teil sie scheinbar nicht sein sollte. Wozu auch das Studium, wozu all das Wissen.</p>
<p>Sie war total betrunken. Immer öfter. Eben war sie, vor ihrem Kühlschrank liegend, wach geworden. Eine Flasche vom billigsten Bier neben sich liegend, ein Rinnsal ihrer Spucke auf dem PVC. So schlimm war es nicht jeden Abend, aber die Quote stieg.  Meistens fing es an, dass sie ein Buch las, und sich dazu ein Bierchen öffnete. Nach der zweiten Flasche kam dann die dritte, bis alles weggetrunken war. Wie oft war sie schon vom Kiosk nach Hause getorkelt, kalte Flaschen in ihrer Tüte, nachdem sie ihr letztes Geld dafür verwendet hatte, Nachschub zu kaufen.</p>
<p>Dann stand sie vor dem Spiegel im Badezimmer. Silberfische huschten über den Boden, ging das Licht an. Sie schnitt sich selber Grimassen, stellte sich Fragen ohne Antworten und gab sich Antworten auf einen möglichen Wahnsinn. Blutunterlaufene Augen, verlaufene Wimperntusche, schon wieder einen Ohrring verloren. Wenn sie merkte, wie sehr sie stank, ging sie duschen. Die Nächte waren am schlimmsten. Sie war alleine.</p>
<p>Sie träumte nicht mehr.</p>
<p>Die Hunde rannten durch die Nacht, warfen Mülleimer um und fraßen sich satt, an den Abfällen der Menschen. Sie hatten gelernt, dass es zweimal in der Woche etwas für sie gab. Aber es war gefährlich. Immer ging irgendwo ein Licht an. Und oft kamen sie zu spät, wenn sich die Maden auf den Essensresten kringelten und die Ratten in den Schatten der Laternen verzogen. Sie wurden verjagt und mussten weitersuchen. Sie heulten gemeinsam in die Nacht hinauf.</p>
<p>Victor war gerade mal neunzehn, als seine Mutter, eine ukrainische Näherin und Emigrantin, von zwei Männern vergewaltigt und verstümmelt wurde. Die Täter wurden nie gefunden, es gab keine Beerdigung. Jetzt, ein knappes Jahr später, baute Victor Bomben. Er klaute T-Shirts aus Altkleidercontainern und tränkte den Stoff mit einer Mischung aus Öl und Benzin, füllte leere Flaschen damit und machte sich bereit für die Brände der Nacht. Am liebsten sah er große, schwere Limousinen brennen. Er lebte auf der Straße, schlief in den Winkeln des Tages und lauerte bei Nacht.</p>
<p>Auf Laternenpfählen klebten Aufkleber, sie kündeten von einem Widerstand, zumindest einige, aber es wurden mehr. Die Leute fingen an, ihre Nachrichten, Botschaften des Missmuts und des Hasses auf Werbeplakate und Zeitungsautomaten zu kritzeln. Die Welt geht unter, brennt, brennt, brennt!</p>
<p>Victor war unterwegs zu seiner neuen Schlafstelle, einem selbstgebautem Holzverschlag in der Nähe der S-Bahn-Gleise, den er aus den Sperrmüllresten einer Wohnungsauflösung und dem abgeschnitten Laub einer Gruppe von Bäumen, die zu nahe an die Gleise gewachsen waren, gezimmert hatte, als er auf die junge Frau traf. Flaschen klimperten in ihrer Tüte, sie wankte von einer Seite des Bürgersteigs zur anderen. Er trat in einen Hauseingang und beobachtete sie. Er spürte keinerlei Mitleid.</p>
<p>Ihr fiel ihr Schlüssel hin, verdammt. Sie hob ihn auf und da sah sie den Kerl, wie er sie beobachtete. Sie rief, er solle sich verpissen. Er kam näher. Sie schloss die Haustüre auf. Er war fast bei ihr. Sie zwängte sich durch den schmalen Spalt, den sie geöffnet hatte. Er steckte seinen Fuß zwischen Tür und Türrahmen. Sie schrie. Die Türe flog ruckartig auf. Eine Hand legte sich auf ihren Mund, sie biss danach, biss feste zu. Der Kerl verschwand.</p>
<p>Weinend ließ sie sich an der Wand des Treppenhauses niedersinken. Ihre Tüte war zu Boden gefallen, eine Pfütze Bier breitete sich aus, sie schluchzte. Das war knapp gewesen.  In ihrer Wohnung nahm sie die beiden heil gebliebene Flaschen aus der Tüte, dann schmiss sie die Tüte und die Scherben in den Abfalleimer. Sie schnitt sich leicht in den Finger, einen Blutfleck hatte sie schon an die Küchentüre geschmiert. Ihr Herz klopfte wie wild.</p>
<p>Victor begutachtete seinen Finger. Die Frau hatte ihn sehr feste gebissen, bestimmt war etwas kaputt gegangen, eine Kapsel, oder eine Sehne.  Warum war er auf sie zugestürmt? Was hatte er sich dabei gedacht? Es war die Hitze, sie trieb sie alle in den Wahnsinn und mich gleich mit, waren seine Gedanken.  Später lag er auf seiner stockfleckigen Matratze, auch vom Sperrmüll, und schloss die Augen. Obwohl sie eine solche Angst gehabt hatte, obwohl ihr Gesicht zu einer angsterfüllten Fratze entstellt war, obwohl ihre Augen ihn angefunkelt hatten wie den lebendigen Tod, sie war wunderschön gewesen. Das Bellen der Hunde nahm ihn mit in den Schlaf.</p>
<p>Im Laufe der nächsten Wochen beobachtete Victor die junge Frau immer häufiger. Wie viel man doch über einen Menschen erfahren konnte, wenn man es richtig anging. Betrat sie ihre Wohnung, ging wenige Augenblicke später das Licht in einer Wohnung im dritten Stock an. Dieses Licht ging auch aus, wenn sie kurze Zeit später durch die Haustüre kam. Auf der Klingel stand C. Mattheissen. Betätigte er die Klingel, konnte er sie hinter den Vorhängen erkennen. Einmal hatte er ihre Post geklaut, aber da er kein Deutsch konnte, ließ er dies schnell wieder sein.  Eine Sache stellte er fest, in dieser ganzen Zeit. Dieser Frau ging es nicht gut. Sie war ein paar Jahre älter als er, aber sie sah mittlerweile nicht mehr ihrem Alter entsprechend aus. Der gebückte Gang, die gesamte Haltung, die Ringe unter ihren Augen. Er wusste nicht, wie er an sie herankommen konnte, sie würde ihn mit Sicherheit wiedererkennen, hatten sie sich doch in dieser Nacht in dem Hausflur genau in die Augen gesehen, aber eines wusste er, er musste ihr irgendwie helfen.</p>
<p>Er war zweimal dazu gezwungen gewesen umzuziehen. Der Sommer näherte sich seinem Höhepunkt, die Stadt und ihre Menschen stanken zum Himmel, der Schweiß floss in Strömen. Einmal war er erwischt worden, wie er in einem Supermarkt klaute und nur knapp vor der Polizei davon gekommen, ein anderes Mal hätte er sich fast in die Luft gesprengt, als ein Kunstobjekt vor dem großen Bankengebäude mehrere Brandbomben brauchte, um zerstört zu werden. Die Scheiben waren ihm um die Ohren geflogen, als die Sirenen lauter wurden und in seinem Versteck sah er den Qualm in bläuliches Licht getränkt gen Himmel ziehen. Über ihn, dass wusste er, wurde in der Stadt berichtet.</p>
<p>Christina, so der Name der jungen Frau, fuhr mit dem Fahrrad durch die Straßen und genoss den Fahrtwind. Es war ein lauer Sommerabend, die Sonne stand schon tief über den Häusern. Sie hatte ein Bewerbungsgespräch, morgen, das erste seit mehreren Wochen und sie hatte sich einige Dinge vorgenommen. Keinen Alkohol, heute Abend zumindest nicht, dafür frische Luft und etwas Bewegung. Obst essen, viel Wasser, sogar Liegestütze wollte sie versuchen. Seit dem Überfall war sie noch tiefer versackt, hatte sich mehr und mehr abgeschottet und nahezu jeglichen Kontakt zu ihren Freunden und Eltern abgebrochen. Dies sollte sich nun ändern. Also, auf in den Park, einige Kommilitonen von früher treffen. Unter Menschen sein. Erschrocken war ihr aufgefallen, dass sie seit drei Tagen nicht mehr gesprochen hatte.</p>
<p>Die Ratten schauten auf, zu dem Licht des Fahrrads, das den Weg entlang des kleinen Baches fuhr. Mehrere Laternen waren ausgefallen, trotz des sternenklaren Himmels war es dunkel. Sie huschten in die Büsche und fraßen, was sie dort finden konnten, einer Ratte ragte das Hinterteil eines fetten Engerlings aus der Schnauze. Überall lag Müll herum. Auf der Wiese, neben einem Mülleimer glühte Kohle in den Resten eines Wegwerfgrills. Was für ein Wort.</p>
<p>Sie bekam den Job nicht. Scheiße.</p>
<p>Und dann passierte es. Sie war besoffen, Christina Mattheissen, war restlos hinüber. Sie saß auf der Bank bei dem Spielplatz, eine  Literflasche Jägermeister neben sich und mehrere leere Pullen Billigbier unter der Bank, und übergab sich neben den Mülleimer. Es war mitten in der Nacht. Sie wusste, sie konnte hier nicht schlafen, aber mehr wusste sie auch nicht, war doch sowieso alles sinnlos. Sprach sie laut? Sie konnte es nicht mehr sagen. Sie versuchte aufzustehen, doch es gelang ihr nicht, sie stürzte und blieb auf dem Boden liegen. Neben dem Mülleimer, in ihrer Kotze.</p>
<p>Die Tiere rückten näher, sie brachten ihre Jungen mit, sie witterten Nahrung. Erst kamen die Insekten, dann das Ungeziefer. Dann kamen die Hunde.</p>
<p>Victor traute seinen Augen nicht. Die junge Frau lag auf dem Boden und wurde scheinbar von Hunden aufgefressen. Er war selber schon einige Male vor ihnen geflüchtet, die Tiere verrohten immer mehr und wurden langsam zu einer Gefahr. Er musste sich beeilen. Schnell hatte er begriffen, dass dies seine Chance war. Er würde sie retten, dann würde sie ihm vielleicht verzeihen können, dass er sie in der Hitze der Nacht angegangen war. Als er näher kam bemerkte er, dass die Hunde nicht von C. Mattheissen fraßen, sondern etwas von Boden aufnahmen. Mit einem Stock bewaffnet ging er auf die Hunde los und schlug wild um sich. Zum Glück ließen sie sich noch vertreiben.</p>
<p>Es war Erbrochenes, was sie gefressen hatten. Die junge Frau lag darin, bewusstlos, hilflos, am Ende. Er hob sie auf und legte sie zurück auf die Bank. Sie stank. Sie war zerstochen. Im Licht einer Laterne sah er den Dreck auf ihrer Haut. Sie war wunderschön. Er nahm ein Stück Stoff aus seiner Tasche und pumpte etwas Wasser aus der Anlage am Sandkasten darüber. Dann reinigte er ihr Gesicht und ihre Arme. Als er fertig war setzte er sich zu ihr und wartete darauf, dass sie aufwachte.</p>
<p>Sie brachte ihm Deutsch bei. Sie ließ ihn bei sich wohnen. Sie teilte ihr Bett mit ihm. Sie war die erste Frau, die auf Deutsch: &#8222;ich liebe Dich&#8220; zu ihm sagte. Sie kochte für ihn, sie sang für ihn, sie tanzte um ihn herum und lächelte ihn an.</p>
<p>Er gab ihr wieder einen Sinn. Sie hatte eine Aufgabe. Zuerst war es nur eine Aufgabe gewesen, dann wurde es mehr. Er hieß Victor, war sechs Jahre jünger als sie. Er hatte sie gerettet. Sie hatte ihn gleich wieder erkannt und war hochgeschreckt, an dem Abend, als sie erfahren hatte, dass sie den Job nicht bekommen würde. Sie war schlimmer abgestürzt als jemals zuvor und wenn er nicht gewesen wäre, hätte es böse ausgehen können. Die Hunde hatten noch in der Nähe gebellt.</p>
<p>„Wir halten sie für ungeeignet. Jetzt mal unter uns, sie sind eine junge Frau, sie werden bestimmt bald ein Kind bekommen wollen und wir sind verantwortlich dafür, diese Stelle auf Jahre hin mit dem bestmöglichen Contender zu besetzen. Es liegt nicht an ihren Qualifikationen, aber die Quote, bedenken sie die Quote! Da kommen so viele Tage Sonderurlaub auf uns zu, es gibt da Tabellen, nach denen wir sie bewerten! Und dann der Mutterschutz. Wir wünschen Ihnen für Ihre berufliche Zukunft alles Gute, aber nicht in unserem Unternehmen!“</p>
<p>Er war der Bomber, der in der Stadt die Autos brennen ließ und Dinge in die Luft sprengte. Er war auf Filmen der Sicherheitskameras zu sehen, sie verbreiteten sich im Internet. Es gab zwei Fahndungsbilder, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Es gab den ersten Nachahmungstäter. Was die Leute jedoch am meisten verwirrte, war, dass seine Taten scheinbar ohne Grund passierten, dass sein Zorn sich willkürlich gegen Symbole des Geldes richteten. Seine Anarchie hatte mittlerweile hunderttausende Euros Schaden angerichtet. Nie hinterließ er eine Botschaft.</p>
<p>Sie war vor ihm davon gelaufen, in jener Nacht. In ihrem Kopf hallten die Stimmen der Personalabteiler nach. Was wollte dieser Kerl. Dann hatte sie sich zu ihm umgedreht, er hatte bei der Parkbank gestanden, die Hände geöffnet und ihr hinterher gesehen. Unter ihrer Dusche hatte sie bitterlich geweint. Als sie ihn am nächsten Mittag unten auf der Straße hatte stehen sehen, hinaufblickend, zu ihrem Fenster, hatte sie sich zuerst erschrocken, doch dann war sie neugierig geworden. Wer war dieser Junge, dieser junge Mann, der da unten stand?</p>
<p>Victor versuchte eine Erklärung in Deutsch:</p>
<p>„Wir sind geflohen, keine Arbeit, keine Zukunft. Hierher. Deutschland. Dann haben sie meine Mutter umgebracht, Männer. Alles nur Geld, ich hasse es. Warum? Sie konnten es tun. „</p>
<p>Christina kannte die Geschichte. Victors Mutter hatte keinen Job gefunden. In der Fabrik, in der sie zuerst noch hatte arbeiten können, war sie rausgeflogen, weil sie nicht mit dem Vorarbeiter hatte schlafen wollen. Sie bekam nicht einen Cent für zwei Monate Arbeit.</p>
<p>Auf dem Spucki am Laternenpfahl stand:</p>
<p>„Es ist Zeit für eine Revolution!“</p>
<p>Es war mittlerweile Winter geworden. Das wenige, was Christina als <em>Bedarf</em> zustand, reichte für die Beiden aus.  Sie hatten jeden Monat sogar etwas zurücklegen können, für ihren Plan. Christina hatte noch ein weiteres Vorstellungsgespräch gehabt, aber auch hier hatte jemand anderes den Job bekommen. Es machte ihr nicht mehr so viel aus.</p>
<p>Der Bomber war scheinbar verschwunden, es wurde gemutmaßt, er sei verhaftet worden und weil man sich vor der Presse und etwaigen, weiteren Nachahmungstätern fürchtete, hätte die Obrigkeit beschlossen, einen Deckel darüber zu stülpen und die Sache für gegessen zu erklären.</p>
<p>Die wilden Hunde wurden nun bekämpft, eine spezielle Abteilung des Ordnungsamtes, Männer, anscheinend ohne eine andere Perspektive, die auf Kommission die Hunde erlegen sollten, zogen los, um genau dies zu tun. Recht erfolgreich sogar. Nur den Ratten kam man nicht bei, sie lebten nun schon zu lange in Menschennähe. Sie passten sich einfach neuen Manierismen an.</p>
<p>Mit schweren Rucksäcken auf dem Rücken und den Mützen tief in die Stirn gezogen, machten sich zwei junge Menschen auf den Weg zum Landtag, ihre Füße traten in Pfützen geschmolzenen Schnees.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/tierwater.wordpress.com/102/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/tierwater.wordpress.com/102/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/tierwater.wordpress.com/102/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/tierwater.wordpress.com/102/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/tierwater.wordpress.com/102/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/tierwater.wordpress.com/102/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/tierwater.wordpress.com/102/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/tierwater.wordpress.com/102/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/tierwater.wordpress.com/102/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/tierwater.wordpress.com/102/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/tierwater.wordpress.com/102/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/tierwater.wordpress.com/102/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/tierwater.wordpress.com/102/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/tierwater.wordpress.com/102/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=102&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Tischtennis</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Jun 2010 14:14:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tierwater</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Alltag]]></category>
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		<description><![CDATA[Frau Schnitzler brachte ihre Söhne zum Tischtennistraining. Wie jeden Montag, und jeden Mittwoch. Sie parkte vor der Sporthalle und verabschiedete sich von den Beiden. Sie hörte, wie der Kofferraum geöffnet und wieder geschlossen wurde. Ihre Söhne stiefelten mit ihren großen Sporttaschen zum Eingang. Es wurde schon dunkel. Sie sah ihnen hinterher, dann fuhr sie wieder [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=93&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Frau Schnitzler brachte ihre Söhne zum Tischtennistraining. Wie jeden Montag, und jeden Mittwoch. Sie parkte vor der Sporthalle und verabschiedete sich von den Beiden. Sie hörte, wie der Kofferraum geöffnet und wieder geschlossen wurde. Ihre Söhne stiefelten mit ihren großen Sporttaschen zum Eingang. Es wurde schon dunkel. Sie sah ihnen hinterher, dann fuhr sie wieder los, zurück nach Hause.</p>
<p>In der Umkleidekabine zogen sich Richard und Alex schnell um und betraten die Halle. In fünf Reihen standen jeweils vier Tische nebeneinander, an den meisten spielten sich die anderen bereits ein. Der Trainer, Herr Laschett, saß auf einer Turnbank auf der gegenüberliegenden Seite und sprach mit zwei kleinen Mädchen. Richard ging hinüber zu Peter und stellte seine Tasche an eine Bande.</p>
<p>Herr Schnitzler machte sich auf den Rückweg, er arbeitete bei der Post, in der Personalverwaltung. Er schnallte sich an.</p>
<p>Alex spielte zunächst gegen Rainer und gewann im dritten Satz einundzwanzig zu sechszehn. Damit hatte er es geschafft, in der vereinsinternen Rangliste einen Platz nach oben zu gelangen, Rainer spielte in der Mannschaft von Richard. Jetzt musste er als nächstes beim Spiel seines Bruders gegen Peter zählen. Er schmiss sein Handtuch auf die Bank und legte seinen Schläger dazu, dann nahm er eine Banane aus seiner Tasche.</p>
<p>Frau Schnitzler parkte ihren Wagen vor der Garage und ging hinauf in die Wohnung. Dort setzte sie sich auf das Sofa und nahm eine Illustrierte, blätterte darin herum. Um das Essen würde sie sich in einer halben Stunde kümmern, dann Richard und Alexander abholen. Gegen zwanzig Uhr dreißig konnte gegessen werden.</p>
<p>Richard war zwei Jahre älter als Alex und spielte in der ersten Jugendmannschaft. Er war die Nummer drei der Mannschaft und war im letzten Monat Bezirksmeister geworden. Jetzt spielte er gegen seinen Freund Peter. Peter war der beste Jugendspieler des Vereins und stand in der Rangliste auch auf der ersten Position. Im entscheidenden dritten Satz stand es zwölf zu zwölf, noch einen Aufschlag für Peter.</p>
<p>Herr Schnitzler fuhr auf die Autobahn und drehte die Musik im Radio lauter. Bisher war er gut durchgekommen.</p>
<p>Alex freute sich mit seinem Bruder. Dieser hatte Peter überraschend mit einundzwanzig zu dreizehn geschlagen und konnte heute, wenn er kein Spiel mehr verlor, auf Platz eins vorrücken.  Herr Laschett kam zu ihnen herüber und klopfte Richard auf die Schultern. Er hatte sich das Spiel angesehen und kümmerte sich um seine Schützlinge. Richard ging zur Toilette und setzte sich daraufhin auf die Tribüne, um etwas abzuschalten. Es ging ihm sehr gut. Alex sprach mit Natascha, sah Richard. Beide lächelten sich an.</p>
<p>Frau Schnitzler stand am Herd und überprüfte die Kartoffeln. Die Bratenreste von gestern waren mit der Sauce, sie hatte sie etwas strecken müssen, in der Pfanne und Erbsen und Möhrchen  gab es als Gemüse dazu. Als das Telefon schellte, stellte sie die Platte für die Kartoffeln etwas herunter und ging in den Flur.</p>
<p>Sabine schlich sich an Richard heran und küsste ihn in den Nacken. Seit sie zusammen waren kam sie ihn oft beim Training besuchen und wenn sich die Gelegenheit bot verdrückten sie sich für einen kurzen Augenblick, um in einer leeren Kabine, oder hinter der Tribüne zu knutschen. Sie liebte seine langen Haare und seine Gesichtszüge, Richard war der schönste Junge der ganzen Welt.</p>
<p>Hinter dem Autobahnkreuz wurde es erwartungsgemäß etwas voller. Herr Schnitzler sang lautstark <em>You´re the Voice</em> von John Farnham mit.</p>
<p>Alex gewann auch sein zweites Spiel, Natascha schaute zu, es beflügelte ihn. Alex war dreizehn und hatte bisher nur einmal mit einem Mädchen geknutscht. Beim Wahrheit oder Pflicht Spielen. Er trocknete sich die Haare und Hände ab und  trank einen Schluck Wasser. Es war neunzehn Uhr zweiundzwanzig. Das Training ging bis acht Uhr.  Er sagte sich, dass er sie heute fragen würde.</p>
<p>Frau Schnitzler goss die Kartoffeln ab und packte einen Deckel auf den Topf. Dann ging sie noch schnell zur Toilette und machte sich auf den Weg, Richard und Alexander abzuholen. Ihr Mann würde auch gleich nach Hause kommen.</p>
<p>Sie hatten schon lange nicht mehr gegeneinander spielen müssen, aber heute trafen sie im letzten Spiel aufeinander. In der Halle wurde es ruhiger, es wurde nur noch an zwei weiteren Tischen gespielt. Die meisten kamen hinzu und schauten sich das Duell der Brüder Schnitzler an. Richard gewann die Aufschlagwahl und lächelte zu seinem Bruder hinüber. Herr Laschett war Schiedsrichter.</p>
<p>Herr Schnitzler dachte an seinen neuen Kollegen, Wolfgang Werner, einunddreißig, groß und schlank. Vor ihm bremsten die Autos schon wieder.</p>
<p>Alex verlor den ersten Satz sehr deutlich, einundzwanzig zu neun und war sauer auf sich selbst. Er spielte nicht gut, einmal hatte er schon mit seinem Schläger gegen die Platte geschlagen. In der kurzen Pause zwischen den Sätzen versteckte er seinen Kopf unter dem Handtuch und versuchte sich zu konzentrieren.</p>
<p>Frau Schnitzler hielt an der Ampel und zog an ihrer Zigarette. Ihr kamen zwei Motorräder entgegen, sie blickte ihnen hinterher und bog bei Grün in die Talstraße. Sie suchte sich einen Parkplatz  und schloss das Auto ab.</p>
<p>Richard blickte hinüber zu Sabine. Sie strahlte ihm entgegen und er nickte ihr zu. Dann griff er nach seinem Schläger und ging zurück an die Platte. Sein Bruder stand bereits dort und ließ den Ball in seiner Hand hin und her rollen. Herr Laschett hatte die Zähltafel auf null zu null zurückgestellt und nahm Platz.  Alex fragte ihn, ob er bereit sei und warf den Ball in die Luft.</p>
<p>Herr Schnitzler kam nun nur noch im Schneckentempo vorwärts. Er würde nicht pünktlich zu Hause eintreffen. Das ärgerte ihn.</p>
<p>Alex hörte Natascha, wie sie ihn anfeuerte und das half ihm. Richard spielte einen Top-Spin auf Alex Rückhand und Alex blockte den Schlag. Richard brachte den Ball etwas zu hoch zurück auf den Tisch und Alex schmetterte ihn unerreichbar über die Banden hinweg. Aufschlagwechsel, vier zu eins. Für Alex.</p>
<p>Frau Schnitzler sah ihre Söhne gegeneinander spielen, als sie die Halle auf der Seite der Tribüne betrat. Sie schossen sich die Bälle um die Ohren. Sie war stolz auf die Beiden. Mittlerweile schaute die gesamte Halle auf ihre Söhne.</p>
<p>Richard lag weiterhin zurück. Es war zum verrückt werden, der Kleine spielte auf einmal so gut und ihm gelangen nicht einmal mehr die leichtesten Schläge. Er konzentrierte sich noch mehr auf seinen Bruder und holte die nächsten beiden Punkte durch seine guten Aufschläge. Er rief sich in Erinnerung, dass er genau wusste, wie er Alex besiegen konnte.</p>
<p>Herr Schnitzler notierte sich den Namen einer Gruppe, deren Lied ihm gefallen hatte und lehnte sich zurück in seinen Sitz. Im Auto neben ihm saß eine junge Frau, sie war sehr hübsch, fiel ihm auf.</p>
<p>Alex verteidigte seinen Vorsprung wie ein Tiger. Ihm fehlten nur noch zwei Punkte zum Satzausgleich und er hatte noch drei Aufschläge. Erst einmal hatte er einen Satz gegen seinen Bruder gewinnen können, und das war schon länger her. Er machte den nächsten Punkt und hatte nun sechs Satzbälle. Aus dem Augenwinkel sah er seine Mutter winken.</p>
<p>Frau Schnitzler winkte ihrem jüngsten zu und freute sich für ihn. Er stand immer ein bisschen in Richards Schatten und nun war er drauf und dran, einen Satz gegen ihn zu gewinnen. Die beiden stritten nicht oft, aber sie glaubte, dass es Ärger geben würde, sollte Alex seinen Bruder besiegen.</p>
<p>Richard kämpfte sich wieder heran. Er lag nur noch zwei Punkte zurück und Alex war sichtlich nervös. Der letzte Aufschlag musste wiederholt werden, weil der Ball die Netzkante berührt hatte. Dann hatte Richard Glück. Sein Schlag landete auf der Kante, der Ball sprang, unerreichbar für Alex, zur Seite weg und auf dem Boden auf. Neunzehn zu zwanzig, einen noch, dachte er.</p>
<p>Herr Schnitzler schaltete in den fünften Gang, es ging weiter, noch zweiundzwanzig Kilometer. Er freute sich auf seine Familie und den Abend mit ihnen.</p>
<p>Alex versuchte seine Mutter zu vergessen. Das hat sie absichtlich gemacht, sie hat mich abgelenkt, wie kann sie das nur machen, sie soll sich verziehen, was macht sie denn jetzt schon hier, oh Mensch, und so weiter. Sein Bruder grinste ihn überlegen an. Aufschlag, zwei kurze Schläge, dann flog ihm der Ball um die Ohren, Ausgleich. Alexander trat gegen eine der Banden und tobte innerlich.</p>
<p>Frau Schnitzler mochte es nicht, wenn einer ihrer Söhne sich so daneben benahm. Aber sie spürte, dass sie es vielleicht gewesen war, die Alexander aus dem Rhythmus gebracht hatte. Das tat ihr leid und sie drückte ihm von ganzen Herzen die Daumen, dass er es doch noch schaffen würde.</p>
<p>Richard fühlte sich stark, er hatte sechs Satzbälle abgewehrt und war nun die Ruhe selbst, während sein Bruder von Herrn Laschett zurechtgewiesen wurde. Er blickte sich um und sah Sabine bei Natascha stehen, die beiden kannten sich?  Sabine lächelte nicht mehr, und Natascha auch nicht. Egal, zurück zum Tisch, ich habe Aufschlag. Und Richard machte den Punkt.</p>
<p>Herrn Schnitzlers Heck brach auf einmal aus, er war sehr schnell auf der nassen Fahrbahn unterwegs gewesen. Er knallte in die mittlere Leitplanke und sein Wagen schoss in die Luft.</p>
<p>Alex verschlug den nächsten Ball absichtlich, er war mit den Nerven völlig am Ende und wollte nur noch, dass dieses Spiel endlich vorbei sei.  Was es dann auch war. Böse Blicke von Herrn Laschett folgten ihm, immerhin gab er seinem Bruder noch die Hand. Ohne auf Natascha zu achten, packte er seine Tasche und ging sich duschen, sollte doch jemand anders die Platte abbauen, er nicht.</p>
<p>Frau Schnitzler stand nun mit einigen anderen Eltern im Eingangsbereich und wartete auf ihre Söhne. Die meisten hatten dem Spiel der Beiden zugesehen und Frau Schnitzler spürte die Blicke der anderen auf sich. Ihr Kleiner hatte aufgegeben. Und ihr Großer war die neue Nummer eins in der Rangliste.</p>
<p>Richard ging zu Sabine, bevor er auch in die Umkleidekabinen verschwand. Sie stand bei Natascha und unterhielt sich mit ihr. Natascha war hübsch, aber Sabine war hübscher. Er fragte sie, ob sie noch auf ihn warten würde und gab ihr einen Kuss. Er war die neue Nummer eins in der Rangliste. Es fühlte sich gut an. Aber das er Alex so geschlagen hatte tat ihm auch ein bisschen leid. In der Umkleidekabine roch es nach Duschgel.</p>
<p>Herr Schnitzler atmete noch, als der Rettungswagen eintraf. Die Feuerwehr musste kommen, die Rettungssanitäter bekamen ihn nicht aus dem Wagen heraus.</p>
<p>Alex hatte in der Umkleide seinen Schläger an die Wand geworfen, das Holz war gebrochen, der Griff lag auf dem Boden. Wütend riss er die Beläge hinunter, dabei gingen auch noch die Schwämme kaputt. Hundertzwanzig Mark im Eimer. Er wollte, jetzt erst recht, nie wieder Tischtennis spielen. Das würde Ärger geben. Unter der Dusche beruhigte er sich, aber er hatte Angst, seiner Mutter, und vor allem seinem Vater von dem Schläger zu erzählen.</p>
<p>Frau Schnitzler gab Alex den Autoschlüssel, er wollte nicht mit allen anderen auf seinen großen Bruder warten. Sie ließ ihn in Ruhe, spürte, dass er noch Zeit brauchen würde, um sich zu beruhigen.  Ihr fiel dieses Mädchen auf, dass ihrem Sohn  hinterher schaute und dann zu ihrer Mutter, Frau Waldkamp, oder so ähnlich, ging. Doch nicht alles so schlecht, dachte Frau Schnitzler.</p>
<p>Richard verabschiedete sich von Sabine und ging mit seiner Mutter zum Wagen. Alex saß bereits auf der Rückbank, schmollend. Auf der Rückfahrt sprach niemand ein Wort. Zu Hause packte Richard zuerst seine verschwitze Wäsche in den Wäschekorb, dann half er seiner Mutter beim Tischdecken. Sie flüsterte ihm zu, dass sie stolz auf ihn sei. Alex war auf seinem Zimmer, man hörte ihn Gitarre spielen. Der Anruf kam in der Nacht, als sie sich alle schon Sorgen gemacht hatten.</p>
<p>Herr Schnitzler war froh, dass er den Unfall überlebt hatte, als ihn seine Familie im Krankenhaus besuchte. Blumen standen an seinem Bett.</p>
<p>Alex und Natascha kamen eine Woche später zusammen.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/tierwater.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/tierwater.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/tierwater.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/tierwater.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/tierwater.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/tierwater.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/tierwater.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/tierwater.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/tierwater.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/tierwater.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/tierwater.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/tierwater.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/tierwater.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/tierwater.wordpress.com/93/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=93&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Die Farbenprinzen</title>
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		<pubDate>Mon, 31 May 2010 15:09:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tierwater</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fürs Bilderbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Erklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Farben]]></category>
		<category><![CDATA[Farbenprinzen]]></category>
		<category><![CDATA[Traummaschine]]></category>
		<category><![CDATA[Träume]]></category>

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		<description><![CDATA[In dem Land hinter dem Regenbogen, im Reich der Fantasie, im sagenhaften Land Lus, wo alles, was Du Dir vorstellen kannst, möglich ist und die Träume der Kinder zubereitet werden, da lebten die drei Farbenkönige. Der blaue König liebte sein Badezimmer. Er machte dort die höchsten Wellen. Der gelbe König trug seine Nase hoch im [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=78&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In dem Land hinter dem Regenbogen, im Reich der Fantasie, im sagenhaften Land Lus, wo alles, was Du Dir vorstellen kannst, möglich ist und die Träume der Kinder zubereitet werden, da lebten die drei Farbenkönige.</p>
<p>Der blaue König liebte sein Badezimmer. Er machte dort die höchsten Wellen.</p>
<p>Der gelbe König trug seine Nase hoch im Wind und vergaß schon einmal seine Hose anzuziehen.</p>
<p>Der rote König war der beste Koch in Lus. Man verehrte ihn wegen seiner Bolognese-Sauce.</p>
<p>Gemeinsam regierten sie über Lus und überwachten die Herstellung der Träume. In einer großen Fabrik saßen sie gemeinsam vor dem riesigen Monitor und beobachteten, wie die Farben gemischt wurden, damit Bilder aus ihnen entstanden.</p>
<p>Es war der beste Beruf der ganzen Welt.</p>
<p>Eines Tages besuchten die Söhne der Könige ihre Väter in der Fabrik.</p>
<p>Sie wollten alles erklärt bekommen.</p>
<p>Wie man die Töpfe füllt und wer sie umkippen darf.</p>
<p>Wer die Farben verrührt und wer die Pinsel benutzt.</p>
<p>Wer so große Seifenblasen pusten kann und wie die Träume in diese gelangen.</p>
<p>Sie stellten Fragen und Fragen und den Königen brummten schon bald die Köpfe.</p>
<p>Der blaue König brauchte eine Pause und kurze Zeit später hörte man die Wanne in seinem Badezimmer volllaufen.</p>
<p>Der gelbe König nutzte die Zeit, um sich ein Würstchen mit einer großen Ladung Senf zu holen.</p>
<p>Der rote König zog sich seine Clowns-Nase an und übte lustige Gesichter vor dem Spiegel.</p>
<p>Vor den Söhnen leuchteten die ganzen Knöpfe und Schalter der Traummaschine wie ein Feuerwerk aus tanzenden Glühwürmchen.</p>
<p>Der blaue Prinz summte sein Lieblingslied, drückte auf verschiedene Knöpfe und spielte an einem Steuerrad.</p>
<p>Der gelbe Prinz tanzte vor dem Computer und lenkte einen Gabelstapler hinüber zu den Farbtöpfen.</p>
<p>Der rote Prinz machte eine riesige Kaugummiblase und drehte sich auf dem Stuhl seines Vaters im Kreis herum.</p>
<p>Die Maschine ratterte und surrte und die Farbtöpfe füllten sich. Dann aber machte die Maschine ein seltsames Geräusch. Es klang wie eine Waschmaschine, wie ein Staubsauger und wie eine Spülmaschine, nur alles gleichzeitig.</p>
<p>Eine dunkle, schimmernde Blase stieg an die Decke der Fabrik und verschwand durch einen der großen Schornsteine nach draußen. Sie flog weiter, bis zum Regenbogen und nahm die große Rutsche zur Welt der Menschen.</p>
<p>Erschrocken schrieben die Prinzen einen Zettel, dass sie schnell nach Hause mussten und rannten hinaus aus der Fabrik. Sie hatten ein schlechtes Gewissen.</p>
<p>Die Könige der Farben kehrten zurück an ihre Plätze und nahmen ihre Arbeit wieder auf.</p>
<p>Der blaue und der gelbe König versuchten sich an einem leuchtend grünem Apfel.</p>
<p>Der gelbe und der rote König verrührten eine strahlende Mandarine.</p>
<p>Der rote und der blaue König mischten eine wundervolle Pflaume.</p>
<p>Am Abend verabschiedeten sie sich und gingen zurück in ihre Schlösser. In ganz Lus machten sich die Bewohner bereit, zu Bett zu gehen.</p>
<p>Die drei Prinzen lagen die ganze Nacht wach. Sie hatten ihren Vätern nicht erzählt, dass eine Blase entwischen  und zu den Menschen unterwegs war. Sie machten sich Sorgen um die Träume der Kinder.</p>
<p>Am nächsten Morgen gab es für den blauen König und seinen Sohn Kaugummi-Eis zum Frühstück.</p>
<p>Der gelbe Prinz und sein Vater spielten Löwen und krochen unter den Küchentisch.</p>
<p>Der rote König und sein Sohn jonglierten über die Königin hinweg mit Tomaten um die Wette.</p>
<p>Doch die Prinzen waren sehr müde und die Könige beobachteten sie mit neugierigen Augen.</p>
<p>Kurz bevor dem blauen Prinz die Augen zufielen, fragte ihn der König:</p>
<p>&#8222;Was ist denn los mit dir, hast du nicht gut geschlafen?&#8220;</p>
<p>Der gelbe König musterte die dunklen Ringe unter den Augen seines Sohnes und fragte:</p>
<p>&#8222;Was hat Dir denn den Schlaf geraubt?&#8220;</p>
<p>Dem roten König landete eine Tomate auf dem Kopf und er fragte seinen Sohn:</p>
<p>&#8222;Bist Du zu müde um richtig zu zielen?&#8220;</p>
<p>Da erzählten die Prinzen ihren Vätern von ihrem Spiel und dem Geräusch und von der Blase. Und wie die Blase über den Regenbogen gerutscht und verschwunden war.</p>
<p>Die Könige telefonierten miteinander und gingen mit ihren Söhnen zur Traumfabrik. Der rote Sonnenaufgang ließ die gelbe Sonne hinauf an den blauen Himmel steigen.</p>
<p>Der blaue König erklärte:</p>
<p>&#8222;Die Kinder brauchen ihre Träume.&#8220;</p>
<p>&#8222;Sie verstehen erst, was sie sehen, wenn sie nachts davon träumen.&#8220;, sagte der gelbe König.</p>
<p>&#8222;Auf die richtige Mischung der Farben kommt es an.&#8220;, sprach der rote König.</p>
<p>&#8222;Das Licht ist das wichtigste!&#8220; stimmten die drei Farbenkönige ein.</p>
<p>&#8222;Wir mischen die Farben, aber das Licht geben die Kinder dazu.&#8220;</p>
<p>&#8222;Ohne Licht wird alles einfach nur schwarz, aber mit Licht erstrahlen Ihre Träume.&#8220;</p>
<p>&#8222;Wir dürfen die Farben nicht zu dick und zu kräftig miteinander mischen, sonst reicht das Licht der Kinder vielleicht nicht aus, und sie haben schlechte Träume.&#8220;</p>
<p>Die Prinzen schluckten auf, sie hatten bestimmt einigen Kindern schlechte Träume beschert.</p>
<p>Es tat ihnen leid und die Könige nahmen sie in ihre Arme und trösteten sie.</p>
<p>Am Abend gingen sie alle gemeinsam auf den Spielplatz hinter der Fabrik und spielten Farbensalat, das Lieblingsspiel aller Bewohner von Lus, dem Land hinter dem Regenbogen, im Reich der Fantasie.</p>
<p>Wenn ihr also eine schönen Traum hattet, dann habt ihr ihm sein Licht geschenkt.</p>
<p>Und wenn ihr einen schlechten Traum hattet, dann haben vielleicht nur die Farbenprinzen an der Traummaschine ihrer Väter herumgespielt und die Farben zu dick gemacht!</p>
<p>Gute Nacht!</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/tierwater.wordpress.com/78/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/tierwater.wordpress.com/78/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/tierwater.wordpress.com/78/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/tierwater.wordpress.com/78/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/tierwater.wordpress.com/78/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/tierwater.wordpress.com/78/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/tierwater.wordpress.com/78/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/tierwater.wordpress.com/78/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/tierwater.wordpress.com/78/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/tierwater.wordpress.com/78/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/tierwater.wordpress.com/78/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/tierwater.wordpress.com/78/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/tierwater.wordpress.com/78/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/tierwater.wordpress.com/78/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=78&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Legebatterie</title>
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		<pubDate>Mon, 17 May 2010 19:08:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tierwater</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[ökologische Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[das größte Huhn der Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Realitätsverlust]]></category>

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		<description><![CDATA[Herrn Tiedtke geht es nicht so gut. Er meldet sich in der Personalabteilung krank. Sämtliche Unterlagen verteilt er sorgfältig, jedes Schriftstück an seinen vorgesehenen Platz. Er schaut noch einmal nach, ob alles seine Ordnung hat, dann verlässt er seinen Arbeitsplatz und macht sich auf den Weg zum Arzt. Immer wieder ist ihm schwindelig, er kann [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=tierwater.wordpress.com&amp;blog=11782464&amp;post=60&amp;subd=tierwater&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Herrn Tiedtke geht es nicht so gut. Er meldet sich in der  Personalabteilung krank. Sämtliche Unterlagen verteilt er sorgfältig,  jedes Schriftstück an seinen vorgesehenen Platz. Er schaut noch einmal  nach, ob alles seine Ordnung hat, dann verlässt er seinen Arbeitsplatz  und macht sich auf den Weg zum Arzt. Immer wieder ist ihm schwindelig,  er kann sich nicht genau erklären, was in ihm vorgeht. An einem Kiosk  muss er sich eine Flasche Wasser kaufen. Sein Mund ist ganz trocken. Er  entschließt sich zunächst nach Hause zu gehen und sich dort etwas  hinzulegen. Seine Wohnung ist nicht weit von dem Kiosk entfernt und  seine Knie fühlen sich ganz weich an. Hinter ihm klingelt ein kleines  Kind auf seinem Fahrrad, die Stützräder krachen über das Pflaster, die  Mutter marschiert im Stechschritt hinterher. Herr Tiedtke hält sich an  einem Laternenpfahl fest und trinkt erneut einen Schluck. Er hat es  nicht mehr weit.</p>
<p>Vor seiner Wohnungstür versucht Herr Tiedtke sich seine Schuhe  abzustreifen, doch als er nach unten blickt, wird ihm schwarz vor den  Augen. Gerade noch kann er verhindern, auf seiner Fußmatte bewusstlos  zusammenzubrechen. Im sicheren Hafen seiner vier Wände legt er sich auf  seine Couch und fällt fast augenblicklich in einen tiefen und intensiven  Schlaf.</p>
<p>Er steht an einem Pult und vor ihm wartet eine Menschenmenge. Einige  sitzen, die meisten stehen und blicken zu ihm empor. Sie schauen  erwartungsvoll auf seine Lippen. Es ist still. Spannung liegt in der  Luft. Herr Tiedtke schaut hinunter, auf die Buchstaben, auf das Blatt  voller Worte, das vor ihm auf dem Pult liegt. Er räuspert sich, das  Mikrofon verstärkt es, es ist widernatürlich laut. Er blickt auf, und er  blickt wieder hinunter. Er öffnet seine Lippen und will seinen Vortrag  beginnen, da befindet er sich plötzlich in einem Schwimmbad. Der Lärm  ist ohrenbetäubend, es sind viele Kinder im Wasser. Er hat den Geschmack  von Chlor im Mund. Eine Hand legt sich auf seine Schulter, er fährt  herum und sieht eine ältere Frau mit schlechten Zähnen direkt hinter  sich. Sie lächelt ihn an und drückt ihn unter die Wasseroberfläche.  Reflexartig tritt er um sich, doch seine Füße treffen auf keinerlei  Widerstand. Er öffnet seine Augen, um sich zu orientieren, und stellt  fest, dass er sich wieder in dem großen Saal befindet. Dort wartet das  Publikum auf seine Worte. Sie scheinen noch näher an ihn herangerückt zu  sein, er kann ihre Gesichter deutlicher erkennen. Am Boden zu seinen  Füßen befindet sich ein Pfütze, er steht mittendrin, ist aber selbst  völlig trocken. Er stützt sich mit beiden Armen auf das Pult und taucht  aus dem Wasser empor. Er ringt nach Luft, er blickt sich um, sucht nach  der alten Frau. Er meint ihre Badekappe auszumachen, eine altrosafarbene  mit Röschen, da spürt er einen Schmerz in seinem Rücken und wird wieder  unter Wasser gedrückt. Die Menschen stehen nun ganz nah um ihn herum,  niemand sitzt mehr, sie kommen immer näher. Herr Tiedtke bekommt es mit  der Angst zu tun, die Blicke der Menschen verheißen nichts Gutes. Er  fühlt sich fremd in seinem Körper, wenn es denn sein Körper ist und  neigt langsam seinen Kopf hinunter zum Mikrofon, da liegt plötzlich ein  Mann auf ihm und ihre Lippen berühren sich und er spürt den Atem des  Fremden. Herrn Tiedtke schießt eine Fontäne Wasser aus dem Mund und er  wird zur Seite gedreht. Dann verändert sich der Traum, die Menschen, die  Gesichter, ihre faltigen Konturen, sie alle werden nicht mehr  auftauchen, auch nicht das Schwimmbad, nein, nicht einmal mehr Wasser  wird auftauchen in den folgenden Minuten seines Traumes. Er befindet  sich an einem warmen Ort. Er kann ihn nicht genau beschreiben, denn da  ist diese weiße Masse, eine schimmernde und lautlose Watte, es fühlt  sich außerordentlich weich und auch behaglich an. Überhaupt ist es hier  nicht unangenehm, der Geruch eines gerade geborenen Kindes strömt in  seine Nase, er spürt sein Herz schlagen, ganz ruhig. Herr Tiedtke watet  durch einen Hain weißer Stämme, er denkt an Weidenkätzchen, an  Zuckerwatte, an Kokosraspeln, an Puderzucker. Er geht immer weiter und  schon bald hat er das Schwimmbad und das Rednerpult vergessen.</p>
<p>Herr Tiedtke erwacht aus seinem Traum. Es ist dunkel geworden. Ein Blick  auf seine Uhr bestätigt ihm, dass er nahezu zwölf Stunden geschlafen  hat. Es scheint ihm besser zu gehen. Er geht in die Küche und schmiert  sich ein Butterbrot. Dazu trinkt er einen Schluck Milch. Die Bilder  seines Traumes verblassen und kümmern ihn nicht weiter. Er geht hinüber  in das Bad und macht sich frisch. Es ist dreiundzwanzig Uhr und zwölf  Minuten an diesem Dienstag. Nachdem er zweimal in alle Programme seines  Fernsehers hineingeschaltet hat, macht er ihn wieder aus. Wenn ich  morgen so fit bin wie gerade, dann gehe ich wieder zur Arbeit. Ihm gehen  einige seiner Aufgaben durch den Kopf, während er in seinen Schlafanzug  steigt und sich mit einem Buch über ökologische Philosophie ins Bett  legt. Wenig später fallen ihm die Augen zu und er löscht das Licht. Er  träumt scheinbar nicht in den nächsten Stunden.</p>
<p>In der Straßenbahn liegt eine Packung Eier auf dem Boden, alle sechs  sind kaputt gegangen und Dotter und Eiweiß verteilen sich an Schuhen und  Hosenbeinen. Ein Kind schreit, so laut es nur kann, die Mutter sitzt  mit hochrotem Kopf daneben. Eine alte Frau stürzt beinahe, als sie  versucht, sich näher am Ausgang zu positionieren. Zwei Jungs machen sich  an ein Mädchen heran, sie sind in ihrem Verhalten auffällig aggressiv.</p>
<p>Herr Tiedtke schaltet seinen Computer ein und rückt den Ablagekorb mit  den Pressemitteilungen etwas näher an sich heran. Er überfliegt die  wichtigsten Meldungen, ein neuer Gesetzesentwurf hier, eine  Gegenkampagne von Greenpeace und den Grünen da. Er bringt sie alle in  eine Ordnung. Frau Warenfeldt schaut herein und erkundigt sich nach  seinem Befinden. Er trinkt einen Pfefferminztee und isst dazu zwei  Kekse. Am Abend hat er seinen verlorenen Tag so gut wie aufgeholt und  nach einer Überstunde verlässt er das Büro.</p>
<p>Zuhause angekommen bereitet Herr Tiedtke sich ein kleines Mahl und macht  es sich auf seiner Couch bequem. Die Kissen liegen noch genauso wie am  Vortag, sie zeigen jedoch keinen Abdruck des fiebrigen Traumes. Herr  Tiedtke öffnet eine Flasche Bier und schaut sich eine Reportage über die  Tuaregs an. Als er auf dem Weg zum Bad an seinen Schuhen vorbeikommt,  stellt er fest, dass etwas braune Eierschale an der Sohle klebt. Er  nimmt den Schuh mit ins Bad und reinigt ihn mit einem angefeuchtetem  Tuch. Nach der Abendtoilette sitzt er aufrecht in seinem Bett und liest  weiter in den Betrachtungen von Elmar Treptow über ökologische Ästhetik.</p>
<p>Es geht ihm schlecht. Er befindet sich in dieser weißen Landschaft,  dichter, pelziger Bewuchs auf den Stämmen um ihn herum, ihm steht der  Schweiß auf der Stirn. Der Boden ruckelt und wackelt, er hat Mühe, sich  auf den Beinen zu halten. Ein weiteres heftiges Beben und Herr Tiedtke  geht in die Knie. Seine Hand fährt über den Boden, er fühlt Wärme an  seinen Handflächen, aber auch etwas Raues, Schuppiges. Die Oberfläche  ist keineswegs eben, sie ist gewellt und hügelig und es scheint kleinere  Verwerfungen und auch Krater zu geben. Ein Wind streift durch den Hain,  es ist abgestandene, sauerstoffarme Luft. Herr Tiedtke richtet sich auf  und hält sich an dem nächstgelegenen Stamm fest. Es fühlt sich an, als  bewege sich unter ihm ein riesiger Körper, er fühlt die Bewegungen unter  der Oberfläche, wie riesige Muskeln, er spürt den Luftwiderstand, eine  Strömung, einen Sturm. Er muss sich festhalten, er droht fortgerissen zu  werden, immer stärker bricht es über ihn herein. Der Stamm entgleitet  seinen Fingern, er rutscht ab und plötzlich ist er unter Wasser, durch  seine Nase versucht es sich einen Weg in seinen Körper, in seine Lunge  zu bahnen. Er ist verzweifelt, es wird ganz schwarz um ihn herum, da  greifen zwei starke Hände nach ihm, er klammert sich an sie, spürt, wie  er emporgezogen wird und sein nächster Atemzug fühlt sich an wie der  beste Atemzug seines Lebens. Er öffnet seine Augen und da sind sie  wieder, diese Menschen, die er nicht kennt, die aber anscheinend  gekommen sind, um ihn reden zu hören, was auch immer er zu sagen hat.  Sie stehen weiter weg von ihm, und ihre Augen glänzen voller Erwartung.  Herr Tiedtke schaut hinunter auf sein Manuskript und beginnt mit seiner  Rede. Doch statt der Worte auf dem Papier kommen nur Schreie, unbändige,  gequälte, markerschütternde Schreie aus seinem Mund. Es sind die  Schreie eines Tieres, unartikuliert, wie ein Kind, dem die Sprache fehlt  um auszudrücken, dass es etwas überhaupt nicht, auf den Tod nicht  ausstehen kann. Die Menschen kommen näher, halten sich die Ohren zu und  kommen immer näher, eine stumme Menge, mit weit aufgerissenen Augen,  Augen wie Münder, voller spitzer Zähne.</p>
<p>Die nächsten Wochen kommt und geht dieser Traum. Mal startet er im  Schwimmbad, dann wieder ist er nur in dieser fantastischen, weißen Welt,  die unter und mit ihm pulsiert, als sei sie selbst ein Lebewesen, und  immer wieder diese Menschen, die gekommen sind, ihm zuzuhören, und jedes  Mal das Versagen, der unterschwellige Zorn der tumben Masse. Ansonsten  verlaufen seine Tage wie gehabt, er arbeitet mal länger, mal verlässt er  seinen Tisch pünktlich. Seine Leistung leidet nicht unter den Umständen  seines Traumes. Herr Tiedtke hat sich daran gewöhnt und Psychoanalyse  und Traumdeutung lässt er keinen Platz in seinem Kopf. Er liest  mittlerweile ein anders Buch und wäscht, da sie nun öfter  durchgeschwitzt ist, seine Bettwäsche zweimal die Woche.</p>
<p>Am Samstag im Supermarkt, in seinem Einkaufswagen liegen kleine  Portionen, er wird zum Beispiel die Hälfte der Butter einfrieren, trifft  Herr Tiedtke auf Frau Warenfeldt. Am Abend kommt es erst zu einigen  romantischen Stunden mit gediegenem Essen und Trinken. Anschließend  kehren sie bei Frau Warenfeldt, Annika, bitte, ein und um einiges später  liegen beide ausgezogen in ihrem Schlafzimmer auf dem weichen Flokati.  Es ist für Herrn Tiedtke seit langer Zeit wieder das erste Mal, dass er  mit einer Frau schläft. Sie bittet ihn, über Nacht bei ihr zu bleiben,  und gemeinsam schlafen sie beide ein. In dieser Nacht gibt es keinen  sich wiederholenden Alptraum.</p>
<p>Zum Frühstück macht Annika Herrn Tiedtke, Gerhard, bitte, ein Tortilla  Española. Er isst mit Genuss und beide berühren sich, so oft sie nur  können. Annika muss allerdings noch etwas erledigen, deshalb ist keine  Zeit für weitere romantische Stunden und etwas später sitzt Herr Tiedtke  in der Bahn. Er will nur schnell nach Hause, um sich frische Sachen  anzuziehen und dann mit einem Buch bewaffnet von seinem Balkon die Welt  an sich und Annika in ihr zu feiern. Doch es kommt ganz anders. In der  Bahn sind einige junge Leute und die stören sich an einer älteren Frau.  Außer Herrn Tiedtke ist niemand da, der die Szene beobachten könnte und  als ein Mann der Frau von hinten gegen den Kopf schlägt und die anderen  um sie herum auch aggressiver werden, steht Herr Tiedtke auf. Er denkt  gar nicht lange darüber nach, sondern geht einfach auf die Menschen zu,  er geht durch sie hindurch, durchbricht ihren Zirkel und packt die  ältere Frau am Arm. Er zieht sie aus dem Gefahrenkreis. Es wird  lautstark geschimpft, wütende Tiraden werden Herrn Tiedtke und seiner  Begleitung nachgerufen. Herr Tiedtke achtet nicht darauf, was über sie  gerufen wird. Die Bahn stoppt. Es steigen weitere Fahrgäste ein. Die  ältere Frau schenkt Herrn Tiedtke einen dankbaren Blick und verlässt das  Abteil in Richtung Park.</p>
<p>Vor seiner Haustür stehend hört er ein Geräusch hinter sich. Im nächsten  Augenblick liegt Herr Tiedtke auf dem Boden und Blut tropft aus einer  Verletzung an seiner Stirn. Es tritt aus der Wunde aus und tropft auf  den Bürgersteig. Da sammelt es sich. Es dauert, bis er gefunden und ein  Rettungswagen verständigt wird. Währenddessen träumt Herr Tiedtke von  einer Welt ohne Größenvorstellungen. In seinem Traum, in seiner Welt ist  er in der Lage, über sämtliche Maßeinheiten zu gebieten, er gibt die  Länge einer Strecke vor, er bestimmt die Höhe einer Fläche, er schrumpft  und wächst im Verhältnis zu seinen eigenen Vorstellungen der Welt.  Seine Arme umspannen den Planeten, seine Beine tragen ihn durch das  Universum. Er ist der Herr jeglicher modi operandi. Er schwebt von  Grashalm zu Grashalm, er sinkt herab wie eine Feder. Er steigt hinauf  wie eine Trägerrakete.</p>
<p>Herr Tiedtke ist aufgewacht. Neben seinem Bett, auf seinem Schrank  stehen eine Flasche Wasser und ein hübscher Blumenstrauß in einer weißen  Vase. Es ist dunkel, nur eine Lampe am Kopfende seines Bettes  beleuchtet den sterilen Raum, er hört die wichtigen und die weniger  wichtigen Maschinen in die Nacht hinein atmen. Die Erinnerung kehrt  langsam zurück in seine Gedanken. Er steht vor seiner Tür, da spürt er  einen stechenden Schmerz von seinem Hinterkopf ausgehend durch den  ganzen Körper jagen. Die Welt schwarz, und rot. Er sinkt zurück in einen  traumlosen Schlaf.</p>
<p>Nach einer Woche kehrt Herr Tiedtke an seinen Arbeitsplatz zurück.  Annika hat ihn im Krankenhaus besucht, auch die Blumen sind von ihr  gewesen und im Büro kommt es zu zärtlichen, kleinen Berührungen. Herr  Tiedtke lädt sie zu sich ein, sie verbringen ihre gemeinsame Zeit am  liebsten draußen, bei langen Spaziergängen. Einmal sitzen sie auf einer  Parkbank und küssen sich gerade, da stürzt ein kleines Kind direkt vor  ihnen mit dem Rad und schürft sich die Haut an beiden Ellenbogen auf.  Die Mutter kommt herbeigestürmt und nimmt ihr kleines Küken behutsam in  den Arm.</p>
<p>Herr Tiedtke steht am Rednerpult und eine riesige Menschenschar hat sich  vor und um ihn herum versammelt. Alle blicken ihn erwartungsvoll an. Er  schaut hinunter und entdeckt, dass da kein Manuskript, keine Zeilen,  keine Silben, keine Lettern vor ihm liegen. Die stumme Masse wogt und  brandet hin und her, sie alle schauen ihn aus Augen an, die wissend und  traurig und wunderschön, aber gequält aussehen. Sie tragen den Ausdruck  von Hühnern in sich, gefangen, lebend in einer Legebatterie, nur dass  diese Hühner nicht länger gefangen sind. Herrn Tiedtke stockt der Atem.  Über ihn bricht eine Welle herein, er wird von etwas am Kopf getroffen  und sinkt tiefer und tiefer. Dies ist nicht das Schwimmbad, dies ist  kein Chlorwasser, das hier ist das Meer und es ist grundlos, uferlos.  Herr Tiedtke geht unter. Er bekommt keine Luft mehr, er ist sich sicher  zu ersticken. Ein letztes Aufbäumen, die Kälte des Wassers zieht  unüberwindlich an seinem Selbsterhaltungstrieb, dann ist es vorbei. Er  rutscht hinab, wird fortgeweht, bekommt einfach keinen Stamm mehr zu  fassen. Die weiße Welt rauscht um ihn und an ihm vorbei, weich wie eine  Feder ist jede Berührung. Herr Tiedtke fällt weiter, und fällt und  verliert sich in Schlieren weißen Lichtes, weißer Substanz, weißer  Masse.</p>
<p>Es kann so nicht weitergehen, hat Annika zu ihm gesagt. Mit diesen  Alpträumen. Du musst der Sache auf den Grund gehen. Du musst dir helfen  lassen. Doch Herr Tiedtke ist dazu nicht bereit, er will sich niemand  weiterem anvertrauen. Er meint, dies sei ein Geheimnis. Es kommt zu  einem Streit, in dessen Folge Frau Warenfeldt die Wohnung von Herrn  Tiedtke verlässt. Sie wird sie nur noch einmal betreten.</p>
<p>Es ist etwas geschehen.</p>
<p>Am nächsten Montag wartet Herr Tiedtke vergeblich auf eine Bahn, es ist  zu einem Unfall mit Personenschaden auf genau seiner Strecke gekommen  und deshalb geht er heute zu Fuß ins Büro. Es ist immer noch Sommer.  Herr Tiedtke hat beschlossen, nicht länger Teil dieser Welt zu sein. Er  betritt das Büro der Personalabteilung und in einem viertelstündigem  Gespräch einigt man sich äußerst schnell über die Bedingungen einer  vorzeitigen Vertragsauflösung. Es gab nur einen eigenartigen Moment in  dieser Besprechung. Als Herr Tiedtke scheinbar etwas sagen wollte, es  aber nicht tat.</p>
<p>Herrn Tiedtke verlassen diese Bilder nicht mehr. Er hat sich die  repetitiven Momente seiner Träume genauestens aufgeschrieben.:</p>
<p>Menschen, Wasser, Weiße Welt</p>
<p>Stummheit, Untergang, unnahbare Fremde</p>
<p>Viele, Wenige, Nur Ich</p>
<p>Augen, Verzweiflung, Geborgenheit</p>
<p>Entkommen, Rettung, Kontrollverlust</p>
<p>Herr Tiedtke verlässt seine Wohnung nun immer seltener. Er kauft sich  keine neuen Bücher mehr, er lässt sich schlechtes Essen kommen, er  verliert die Ordnung, die ihn immer ausgezeichnet hat. Herr Tiedtke will  träumen. Er will seinen Traum zu Ende träumen, mittlerweile ist er  überzeugt, dass die weiße Welt die Lösung, seine Lösung verborgen hält  und er, sei es durch einen Zufall, sei es durch irgendeine Fügung, er  der einzige sei, der Held auf einer dramatischen Suche, der den  Untergang dieser Welt noch aufhalten könne. Er sieht sich als  Konquistador, mit Schwert und Schild im Auftrag ihrer Majestät, durch  weiße Wälder hindurch.</p>
<p>Als Annika klopft, öffnet er die Türe nur einen Spalt. Sie bittet ihn,  sie fleht ihn an, doch er schließt nur langsam diese Pforte und hört ihr  Weinen nicht. Moriturus te salutat, denkt er.</p>
<p>Herr Tiedtke bekommt nun seine Medizin.<br />
Herr Tiedtke ist schwer krank.<br />
Herr Tiedtke ist den Anforderungen dieser Welt nicht mehr gerecht  geworden.<br />
Herr Tiedtke konnte nicht einmal durch Liebe gerettet werden.<br />
Herr Tiedtke wird ruhig gestellt.</p>
<p>Damit er von einer Lösung träumen kann …</p>
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